Vertrauen wichtiger als Information

„Mit Argumenten allein lässt sich der Klimawandel nicht stoppen. Klimapsychologen setzen vermehrt darauf, Emotionen zu wecken – besonders bei Konservativen.“

In der Süddeutschen Zeitung vom 5. Juni 2016 setzt sich Christopher Schrader unter der Überschrift „Vertrauen ist beim Thema Klimawandel wichtiger als Information“ deutlich fundierter mit dem Thema Klimawandel auseinander als es in regelmäßigen Abständen in SPIEGEL ONLINE Axel Bojanowski macht. Ebi schreibt vielleicht noch was zu seinen Erfahrungen bei Informationsveranstaltungen, meinte er heute in einem Mainzer Café.

Aus dem SZ Artikel:

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Mainz: Silent Climate Parade 2015

Mitten im Interview wird der Becher in der Hand von George Marshall zum Beweisstück der Anklage: „Sehen Sie, ich habe mir gerade einen Kaffee gemacht. Der Strom, den ich dafür gebraucht habe, setzt Schadstoffe in die Luft frei. Und wissen Sie was? Es ist mir egal.“

Wer Marshall kennt, wird bei diesen Worten den Atem anhalten. Natürlich stellt das Heißgetränk keine ernsthafte Gefahr dar. Und der Brite ist auch keiner dieser Zeitgenossen, die breitbeinig ihr vermeintlich angeborenes Recht vertreten, die Ressourcen dieser Welt auszubeuten – denen ginge es ohnehin eher um die Tankfüllung ihres Geländewagens. George Marshall ist ein Veteran der Klimaschutzbewegung, hat bei Greenpeace gearbeitet, sich für den Regenwald engagiert und die britische Organisation Climate Outreach mitbegründet.

Marshall möchte vielmehr die eigenen Reihen provozieren. Er bekennt, dass zwar viele Klimaschützer den Kampf gegen die globale Erwärmung als moralisches Gebot betrachten, es aber im Privatleben auch nicht schaffen, ihre Handlungen an ihren Überzeugungen auszurichten. Sie sind darum keine Heuchler, sondern: Menschen. Und so sollten sie auch Zuhörer sehen, die ihre Überzeugung nicht teilen.

Menschen möchten nicht schräg angeschaut werden, weil sie am Konsens der Gruppe rütteln

„Wer an den Klimawandel glaubt, tut das meistens, weil es gut zu ihm passt. Die anderen haben auch gute Gründe für ihre Einstellung. Sie sind keine Idioten, weil sie nicht an den Klimawandel glauben“, sagt der Brite. Es geht ihm darum, einen Zugang zu ihnen zu finden. Bei der Lösung für die Klimaprobleme müssen alle zusammen und aus innerer Überzeugung anpacken. Verzicht zu predigen, wird kaum jemanden überzeugen.2015-05-29_SilentClimateParadeMainz_7

Diese Einsicht könnte nach Ansicht Marshalls einen Strategiewechsel einleiten. Die gravierenden Folgen des Klimawandels abzufedern, ist für Aktivisten wie ihn kein naturwissenschaftliches oder technisches Problem mehr, sondern ein soziales. „Die menschliche Reaktion auf den Klimawandel zu verstehen, ist genauso wichtig, wie den Klimawandel selbst zu verstehen“, sagt der norwegische Psychologe Per Espen Stoknes. „Wir alle tun so, als seien wir rational, wenn wir uns irrational benehmen.“ Marshall, Stoknes und andere beschwören die zweite Stufe der Klimaforschung. Statt Physik, Chemie und Ozeanografie sollen nun Gesellschaftswissenschaften und Psychologie im Mittelpunkt stehen. Diese decken eine Reihe systematischer Denkfehler und mentaler Schleichwege auf. Es sind universelle, aber weitgehend unbewusste Mechanismen. Der menschliche Geist ist demnach auf kaum eine Gefahr so schlecht vorbereitet wie auf den Klimawandel; er findet lauter Ausflüchte, nicht darauf zu reagieren.

Ein typisches Problem sei zum Beispiel diese verbreitete Haltung: Was soll ich mich einschränken, wenn es die anderen nicht tun? Das bringt Nachteile für mich, aber keine messbaren Vorteile für die Umwelt. Doch diese Überlegung verkennt, dass Menschen in anderen Lebensbereichen solche Nachteile in Kauf nehmen. Sie gewähren einander im Verkehr den Vortritt oder weisen eine Kassiererin darauf hin, dass sie zu viel Wechselgeld herausgegeben hat. Ihnen ist es genug, wenn sie so ein besseres Gewissen haben oder sogar als Vorbild wirken können.

Dahinter steht die Erkenntnis von Psychologen, dass Menschen ihr Verhalten und ihre Meinungen stark an ihrer sozialen Gruppe ausrichten, meist ohne es zu bemerken. Sie möchten nicht plötzlich von ihren Freunden schräg angeschaut werden, weil sie am Konsens der Gruppe rütteln. Und das erklärt auch, wieso Wissenschaftler und Umweltschützer häufig ihre Botschaft nicht anbringen können. Sie argumentieren mit Daten und Messungen, aber ihre Warnungen prallen am Publikum ab – woraufhin sie noch mehr Fakten vorlegen.wokamod2-verkl

Wie sich die Trägheit der Masse überwinden lässt

Bei dieser Kommunikationsstrategie ist schon die Grundannahme falsch: dass die Menschen zu wenig wissen, mit genügend Informationen aber den Ernst der Lage begreifen. Tatsächlich sei es so, sagt die Psychologie, dass die Zuhörer alle neuen Informationen filtern. „Wenn es einen Konflikt zwischen den Fakten und den Wertvorstellungen eines Menschen gibt, werden die Fakten verlieren“, sagt Stoknes. Was nicht passt, erhält keinen Platz im Denkgebäude.

Oft hängt es von der Quelle ab, ob ein Mensch überhaupt richtig zuhört. „Schon bevor jemand den Mund aufmacht, ist entschieden, was ich von seiner Botschaft halte“, so Stoknes. „Vertrauen ist wichtiger als Information“, ergänzt George Marshall. Freunden, Verwandten, dem Pastor oder einem geschätzten Politiker glaubt man. Journalisten der vermeintlich linksorientierten Zeitung glaubt man nicht, und erst recht nicht Umweltschützern, die einem das Auto wegnehmen wollen.

Wissenschaftler können schon durch ihre Wortwahl unglaubwürdig werden: Viele Begriffe, Konzepte und Ideen lösen Assoziationen mit anderen Dingen aus. Schon das Wort „Klima“ kann zur Abwehr führen. Das Erwähnen von Temperaturen führt zur Assoziation mit der von Klimaskeptikern behaupteten Erwärmungspause. Und wenn ein Forscher von möglichen Messungenauigkeiten spricht, hört mancher Laie nur heraus, die Ergebnisse seien unsicher.angst_Mz

Soziale Normen bestimmen auch das Verhalten. Die Psychologie kennt zum Beispiel den sogenannten Zuschauer-Effekt. Sie erklärt damit, warum bei Notfällen oft die Hilfsbereitschaft von Unbeteiligten umso geringer ist, je mehr Menschen das Ereignis wahrnehmen. Jeder einzelne sucht dann in der Menge nach Hinweisen, was zu tun sei. „Je mehr Leute von einem Problem wissen, desto mehr neigen wir dazu, unser eigenes Urteil zu ignorieren und die geeignete Reaktion am Verhalten der anderen abzulesen“, sagt George Marshall. Macht niemand den ersten Schritt, oder sprechen sich Meinungsführer gar aktiv gegen das Eingreifen aus, passiert eben nichts.

„Auf das satte Röhren eines Mustang V8 müssen wir wohl verzichten.“

Dieser Herdentrieb führt dazu, dass Menschen den Klimawandel bestenfalls als ein Problem unter vielen ansehen. Das gilt wider Erwarten auch für Deutschland. Zwar erklären etwa in Umfragen des US-Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center 55 Prozent der Deutschen, sie seien wegen des Klimawandels sehr besorgt. Werden die Leute jedoch nach den ernsten globalen Problemen gefragt, wie etwa im Frühjahr 2015, landet der Klimawandel hinter dem IS, den Spannungen mit Russland, einer möglichen iranischen Bombe und Cyberattacken auf Platz fünf.green2

Menschen können sich nur eine begrenzte Anzahl von Sorgen machen. Darum führt eine neue Angst wie die vor dem islamistischen Terror dazu, dass die globale Erwärmung weniger bedrohlich erscheint. Ganz oben auf der Skala bleiben – vermeintliche oder echte – Gefahren, die Emotionen auslösen: die Angst vor Jobverlust, Verbrechen oder Krankheit. „In der Klimadebatte haben wir noch immer keine Möglichkeit gefunden, auf gleiche Weise das fühlende Gehirn anzusprechen“, bekennt George Marshall. Die Suche nach einem Ansatz gleiche „der Alchemie, die unedle Daten in emotionales Gold verwandeln will“.

[taz.spot] Unser roter Faden from taz.die tageszeitung on Vimeo.

Was den Menschen zum Handeln motiviert, beschreibt der Psychologe Daniel Gilbert von der Harvard University mit dem PAIN-Schema (personal, abrupt, immoral, now – auf Deutsch etwa: persönlich, plötzlich, unmoralisch und gegenwärtig). Menschen reagieren demnach stark darauf, wenn Täter und/oder Opfer ein bekanntes Gesicht haben, wenn sich die Verhältnisse unerwartet und schnell ändern, wenn ethische Werte verletzt sind und das Ganze in diesem Moment passiert. Terrorismus drücke jeden dieser vier Knöpfe, stellt Gilbert nüchtern fest: Bärtige Männer mit Maschinenpistolen oder Sprengstoffgürteln können jederzeit plötzlich auftauchen. Der Klimawandel drückt dagegen keinen der Knöpfe. Täter sind kaum auszumachen, die Opfer sind anonyme Menschen auf entfernten Erdteilen, viele Warnungen vor den Folgen der globalen Erwärmung zielen auf das Jahr 2100, die Veränderungen sind graduell. „Die globale Erwärmung ist nur darum eine tödliche Bedrohung, weil sie im Gehirn keinen Alarm auslöst“, sagt Gilbert. „Sie lässt uns in einem brennenden Bett ruhig weiterschlafen.“puten

Immer mehr Investoren schrecken vor fossilen Energien zurück

Unter diesen Umständen sein Leben ohne Änderungen weiterzuleben, sei eine menschliche Reaktion, sagt der norwegische Psychologe Stoknes. Hinter der Tatenlosigkeit stehe oft eine kognitive Dissonanz. „Wir empfinden einen Widerspruch zwischen dem, was wir tun, und dem, was wir wissen. Um zu vermeiden, uns als Heuchler zu fühlen, sperren wir das Wissen in unserem Kopf ein.“

Das Steuer lässt sich nur herumreißen, glaubt Stoknes, wenn eine kulturelle Transformation der Gesellschaften erfolgt. Vorbild sind jene Massenbewegungen, die Rassentrennung in den USA und Apartheid in Südafrika auf den Müllhaufen der Geschichte gefegt haben. Oft ging es nach Jahrzehnten ohne Fortschritt plötzlich überraschend schnell, weil die Causa in sehr vielen Gruppen der Gesellschaft und politischen Strömungen angekommen war. Ähnliches könnte beim Klimawandel passieren. Ein Beispiel ist der aktuelle Ruf nach Devestition, also der Rückzug von Einlagen aus der Fossile-Energien-Industrie. Ihm folgen bereits immer mehr Geldanleger.

Parallel dazu muss sich der Ton der Debatte ändern, also die Rahmenerzählung, die dem Klimawandel seinen Platz im gesellschaftlichen Diskurs gibt. „Dass die Menschen massenhaft aktiv werden, erreichen wir nicht durch Narrative von Feindschaft“, sagt George Marshall. „Wir müssen stattdessen Narrative von Kooperation, geteilten Interessen und gemeinsamer Menschlichkeit entwickeln.“ Seine Organisation Climate Outreach entwickelt deshalb neue Strategien, wie man mit Konservativen über Klimaschutz sprechen könne. Die Diskussion solle mit Werten beginnen, nicht mit Zahlen, heißt es. Es müsse um Integrität und Sicherheit, Gleichgewicht und Verantwortung gehen, besonders das Konzept „Vermeiden von Verschwendung“ im Zusammenhang mit dem Energieverbrauch habe sich bewährt. Außerdem sprächen solche Gruppen gut auf persönliche Geschichten an, in denen sie ihr Weltbild wiederfinden. Die sonst von Klimaschützern gern genutzten Warnungen vor Opfern in fernen Ländern oder der Tierwelt stießen Konservative hingegen eher ab.

Marshall ist überzeugt, dass die Klimaschützer alter Schule die Lufthoheit über das Thema aufgeben müssen. „Es kann nur funktionieren, wenn in jeder sozialen Gruppe die jeweiligen Meinungsführer ihre Version von Klimaschutz verbreiten“, sagt er. In vielen Fällen darf dabei das Wort Klimabotschaft„Klima“ nicht auftauchen. Stattdessen könnte es zum Beispiel um Energie-Unabhängigkeit, saubere Luft oder Wetterextreme gehen. „Den Erfolg werden wir daran erkennen“, sagt Marshall, „dass über das Thema auf eine Art geredet wird, die uns überhaupt nicht gefällt.“

Eine Kröte gilt es gleich am Anfang zu schlucken: Man müsse es Menschen zugestehen, um das Zeitalter der fossilen Energien zu trauern. Diese Melancholie ist Marshall selbst nicht fremd. „Die Zukunft wird viele neue Genüsse bereithalten. Aber auf das satte Röhren eines Ford Mustang V8 müssen wir wohl verzichten.“

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Der Öko-Psychologe Per Espen Stoknes im Gespräch mit
Alex Smith von EcoShock Radio. Video: Mashup vom Video „Disruption“: ‘When it comes to climate change, why do we do so little when we know so much?’

Links:

http://www.ecoshock.info/

http://watchdisruption.com/

http://www.reflecta.org/index.php/de/filme

Erderwärmung als Spirale – „die fesselndste Klimagrafik aller Zeiten“

Eine Vielzahl von Grafiken zur Erderwärmung haben Klimaforscher und Wissenschaftskommunikatoren in den vergangenen Jahren produziert. Mal wurde der Anstieg der Erdmitteltemperatur seit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert als aufstrebende Zick-Zack-Linie dargestellt, mal als ansteigende Treppe, mal als YouTube-Clip, in dem verschiedene Gegenden der Erde sich zunehmend rot verfärben.

Nicht dass all diese Grafiken unverständlich wären oder schlecht – aber eine Visualisierung, die jetzt der Klimaforscher Ed Hawkins von der britischen University of Reading geschaffen hat, sticht deutlich heraus: Er hat die Abweichungen der Temperatur vom langjährigen Durchschnitt in Kreisform dargestellt, hat dabei jeden Monatswert seit 1850 verzeichnet. Das Ergebnis ist ebenso verblüffend wie eindrücklich: ein Kreisel, der zwar merklich wackelt (was die natürliche Variation des Klimasystems zeigt), sich aber über viele Jahrzehnte in relativ engen Bahnen dreht. Doch ab etwa 1940 und nochmal ab 1970 werden die Ringe deutlich größer – und ab den neunziger Jahren wird der Kreisel zu einer regelrechten Spirale.

Grundlage der Grafik ist der Datensatz HadCRUT4 zu den Lufttemperaturen direkt über Land und Ozeanen, den das Hadley-Center des Meteorologischen Dienstes Großbritanniens (MetOffice) und die Climatic Research Unit (CRU) der University of East Anglia produzieren. Visualisiert sind die Daten von Januar 1850 bis März 2016, dargestellt als Abweichung vom Mittel der Jahre 1850-1900; Quelle: Ed Hawkins/ClimateLabBook

Diese Grafik macht jedem Laien klar, wie außergewöhnlich die Temperaturrekorde der letzten Monate und Jahre sind. Natürlich, in den Nachrichten werden immer wieder die wissenschaftlich korrekten Werte transportiert: So lag 2015 um 0,9 °C über dem langjährigen Mittel, damit wurde das vorherige Rekordjahr 2014 nochmals um 0,16 °C übertroffen. Im März 2016 dann betrug die „Anomalie“ bereits 1,07 °C. Aber wem sagen solche Zahlenwerte wirklich etwas? In Hawkins Temperturspirale hingegen ist auf einen Blick erkennbar, wie atemberaubend weit die Linie zuletzt ausschlägt. Und dass die Erde einem Anstieg um 1,5 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau (in der Grafik als roter Kreis eingezeichnet) bereits bedrohlich nahekommt.

Die Temperaturspirale verbreitet sich viral im Netz

Seit Hawkins die Grafik am Montag dieser Woche veröffentlichte, ist sie auf Twitter bereits vieltausendfach geteilt worden. Der Server seines Blogs „Climate Lab Book“ brach unter der Last der vielen Seitenaufrufe zeitweise zusammen. Der vielgelesene Design- und Technologie-Blog Gizmodo nennt Hawkins Grafik „eine der überzeugendsten Klimavisualiserungen, die wir je gesehen haben“, die Washington Post spricht gar von der „fesselndsten Klimagrafik aller Zeiten“. Und das Online-Magazin ClimateHome fragt, unter Bezug auf das Dateiformat der Grafik: „Kann ein GIF unser Denken über die Erderwärmung verändern?“

Quelle: Klimafakten

SPIEGEL kontra Klimaretter

SPIEGEL ONLINE Wissenschaft, da hoffe ich doch: „Qualitätsjournalismus“.  Die informieren verantwortungsvoll und verständlich. Und „Wikipedia“? Na klar, ausgewogen und solide. Aber was ist mit „klimaretter.info“?

In Wikipedia las ich gestern zu klimaretter.info:

Spiegel Online beschreibt die Position des Magazins als „alarmistisch“ und „aggressive“ Umweltagitation.

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WIKIPEDIA zu Klimaretter.info, der Verweis auf SPIEGEL-ONLINE ist inzwischen ersetzt durch „Seit 2015 hat die Frankfurter Rundschau die Berichterstattung zu Klima und Umwelt mit Beiträgen des Online-Magazin klimaretter.info intensiviert.“

Huch?

Das klingt aber richtig böse und unseriös.

Wikipedia bezieht sich auf einen SPIEGEL ONLINE Wissenschaft Beitrag von Axel Bojanowski. Überschrift:

„Streit über Umwelt-PR: So irreführend sind die Wissenslücken der Klimaforscher“.

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SPIEGEL ONLINE WISSENSCHAFT 8.9.2015

Schon diese Überschrift erweckt den Eindruck, na ja, diese Wissenschaftler, die streiten sich doch nur über den Klimawandel. Keiner weiß was genaues. Axel Bojanowski geht mit keinem Satz darauf ein, worüber bei den Klimaforschern Konsens besteht. Er vermittelt nicht den Eindruck dass es allerhöchste Zeit ist, schnellstens mit der Dekarbonisierung in allen Bereichen der Gesellschaft voran zu machen. Im Gegenteil. Überall streut er Zweifel in einer sehr subtilen Art. Am besten charakterisiert mit einem Zitat des österreichischen Wissenschaftlers und Nobelpreisträgers Wolfgang Pauli:

„Das ist nicht nur nicht richtig, es ist nicht einmal falsch!“

Nun denke ich, Axel Bojanowski hat den Bericht einige Monate vor dem Pariser Weltklimagipfel geschrieben und würde heute anders formulieren. Ich bin gespannt. Denn leider ist traurige Gewissheit: Die Daten sind eindeutig und gehen dramatisch in die falsche Richtung. Schon bald könnte der Punkt erreicht sein, an dem der Klimawandel unumkehrbar wird. Es ist die Aufgabe eines guten Journalismus die komplexen Zusammenhänge zu erklären.

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Axel Bojanowski würde bestimmt jammern, wenn jemand so eine Grafik mit folgender Schlussfolgerung machen würde: „Je abhängiger eine Organisation von klimaschädlicher Industrie ist, umso verharmlosender und verwirrender berichtet sie über den globalen Klimawandel und seine Gefahren für die menschliche Zivilisation“

 

An alle Leser: Macht euch selbst ein Bild. Ich empfehle ausdrücklich Klimaretter.info und spende monatlich, weil mir soetwas im deutsche Medienwald gefehlt hat.

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Climate Action Zone ZAC

Fotos: Reinhard Sczech, 10.12.2015

Wie bei allen meinen Reisen: etwas abgehetzt und vermutlich was Wichtiges vergessen, Einstieg in den IC, Mainz Hauptbahnhof Richtung Mannheim, von dort mit dem französischen TGV weiter. In Schnellzugsteige n in Saarbrücken fünf fett bewaffnete französische Polizisten ein. Sofort Unruhe, kurz darauf Schreie und Sc20151210_solutions_3himpfen. Dann Ruhe. Auf dem Sitz links vor mir, schläft ein junger Mann. Ich wundere mich, warum er trotz dem Lärm nicht einmal den Kopf hebt. Dann kommen drei Beamte zu uns. Sehen mich kurz an, rütteln an dem jungen Mann: „Passport?“. Der etwa 19-jährige schüttelt den Kopf. „Nationality?“ „Afghanistan“. Routiniert zieht einer den Jungen aus dem Sitz, mit traurigem Gesicht und stumm lässt er es geschehen, alle verschwinden im nächsten Wagen. Eine Frau schimpft auf französisch. Zwei Minuten später „außerplanmäßiger Halt in Forebach“. Die Polizisten und sechs junge Männer verlassen den Zug. Die verbleibenden schauen sich betroffen an.
So verlaufen die ersten Stunden meiner Reise zum Klimagipfel nach Paris. Wir fahren gerade 311 Kilometer pro Stunde.

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Solutions COP21

Nachmittags besuche ich das offizielle Rahmenprogramm für den Weltklimagipfel: „Solutions COP21“ im Grand Palais. Wegen Kontrollen wie am Frankfurter Flughafen eine Stunde Wartezeit, obwohl nicht besonders viel los ist. Das Programm finde ich großenteils enttäuschend. 20151210_solutions_2Einige Firmen sind echt bemüht, aber beispielsweise bei Coca Cola werde ich reflexartig misstrauisch. Von einem Schweizer Forscher der „Horizon Social Media Analytics“ nehme ich am meisten mit. Darüber werde ich einen eigenen Beitrag schreiben.

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Viele Kameras, viele Reden, wenig Publikum bei den Solutions COP21
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Bei der Rheinland-Pfalz Ausstellung in Mainz war deutlich mehr los als bei den Lösungen für die Weltrettung in Paris 2015
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Ein spannendes Gespräch, wie man die Stimmungen in den Social Media analysiert
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In der ZAC war nun aber richtig was los

Climate Action Zone (ZAC)

In der ZAC sollte eigentlich von den Umweltgruppen die gr20151210_ZAC_6oße Klimaschutzdemonstration am Ende des Klimagipfels vorbereitet werden. Bündnisse aller Schattierungen rund um den Globus hatten ihre Mitarbeit angekündigt. Dann kamen die Terroranschläge am 13. November wie eine Seuche über Paris. Vollständiges Demonstrationsverbot.

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Überwiegend junge Menschen interessiert die Rettung der Zivilisation, die anderen kämpfen mit den Alltagsproblemen

Als Alternative werden nun fantasievolle, gut organisierte, gewaltfreie aber entschiedene Aktionen geplant. Als ich ins ZAC komme, ist die Plenumshalle rappelvoll. Es wird diskutiert was zu tun ist und wie die Lage politisch einzuordnen ist. Im Plenum sitzt auch Naomi Klein. Die anderen kenne ich nicht, viele der Redebeiträge sind in französisch. Sprachbegabung hat man mir leider nicht mit in die Wiege gelegt.

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Diese Menschen zu erleben…. ich bin froh, doch nach Paris gefahren zu sein

Naomi Klein räumt freimütig ein, dass auch sie erst vor 10 Jahren die volle Brisanz des Klimawandels begriffen hat.

Klick gemacht

Wenn ich tief in mich gehe, muss ich gestehen bei mir sind es weniger als fünf Jahre her bis es „klick“ machte. Was eigentlich schon beschämend ist, da ich als Ingenieur sowohl mit Regelkreisen wie auch Statistik und nichtlinearen Simulationsverfahren reichlich Erfahrung sammeln durfte. Aber trotz vielfältiger Literatur hat mein Gehirn sich einfach geweigert die bittere Wahrheit voll zu realisieren. Wie auch. Da liest du eine alptraumhafte Analyse, die menschliche Zivilisation ist dabei sich auszulöschen, das sechste große Massensterben auf dem Planeten hat begonnen, du schaltest den Fernseher an, „und nun die Lottozahlen“.

Sicher, ich war schon viele Jahre vorher umweltbewusst, habe in Windenergie investiert (und damit sehr gut verdient), Müll getrennt, dicke Autos vermieden, Greenpeace unterstützt, die Grünen (oft sehr zähneknirschend) gewählt und nur Ökostrom durch die Steckdosen gejagt. Aber begriffen hatte ich es nicht wirklich.
Jetzt bin ich in Paris, um die Luft um den Weltklimagipfel einzuatmen und ein Gefühl dafür zu bekommen: Wie groß sind die Chancen der Menschheit die Kurve zu bekommen?
Es muss zweifellos eine sehr scharfe Kurve sein, eine Revolution. Die Zeit zum herumzackern haben wir nun wirklich nicht mehr.

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Etwas wehmütig kommt mir der Eiffelturm vor

Klimaschutz und Gerechtigkeit

Du hast einen schrulligen Onkel der immer noch sagt „Hör‘ mir auf mit Klimawandel, die Wissenschaftler sagen jedes Jahr was anderes? Einen Kollegen,  der kundtut „alles halb so schlimm, was geht mich der Klimawandel an“?  Einen Chef der ruft: „Wachstum ist am wichtigsten für uns, später werden wir schon was gegen den Klimawandel erfinden“?

Der RBB Film Klimaschutz und Gerechtigkeit ist bestens geeignet für Aufklärung zu sorgen.

Klimaschutz und Gerechtigkeit

16.11.2015 | 28:53 Min. | UT | Verfügbar bis 16.11.2016 | Quelle: Rundfunk Berlin-Brandenburg

KlimaschutzUndGerechtigkeit3Trotz der blutigen Anschläge will Frankreich Ende des Monats Gastgeber des Klimagipfels in Paris bleiben. Die hohen Kohlenstoffwerte in der Atmosphäre und die Erderwärmung zwingen zum Handeln. Der heißeste Sommer seit Beginn der Messungen brachte Deutschland Tornados, brennende Getreidefelder und einen riesigen Flüchtlingsstrom. Gibt es da Zusammenhänge?

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Öl-Lobby sponserte Kriegsverbrecher

Klasse Beiträge gibt es von der RBB OZON Redaktion.

Populäre Wissenschaft
Auf allen weiteren Montags-Sendeplätzen setzt die Redaktion Wissenschaft/Bildung populäre Wissenschafts-, Tier- und Naturfilme ein, die selbst produziert oder von anderen ARD-Anstalten übernommen werden.

WissensZeit im rbb
Das Bildungsangebot des rbb Fernsehens, montags bis freitags, 6:20 Uhr bis 6:50 Uhr.

nano
Die Redaktion arbeitet am 3sat-Wissenschaftsmagazin „nano“ mit, das gemeinsam von ARD, ZDF, ORF und dem Schweizer Fernsehen produziert wird. Das rbb Fernsehen sendet  „nano“ montags bis freitags um 6:50 Uhr.

 

Birgit Berg: „Wer sich das Denken abnehmen läßt, darf sich nicht wundern, wenn man ihm bald auch den Kopf abnimmt.“

760 Millionen Menschen bedroht

ein sehr guter Beitrag aus Solarify

Meeresspiegelanstieg systematisch projiziert – Karten und beeindruckende Fotomontagen

Wenn wir so weitermachen wir bisher, ist neuen Untersuchungen zufolge mit einer Erhöhung der durchschnittlichen Temperatur um vier Grad zu rechnen. Dann werden Eiskappen und Gletscher noch schneller abschmelzen und die Meeresspiegel noch schneller ansteigen als befürchtet. Mehr als eine halbe Milliarde Menschen ist nach einer Studie der US-Forschungsorganisation Climate Central  gefährdet – weltweit 470 bis 760 Millionen Menschen in Küstenregionen.

Bei einem Temperaturanstieg von nur 2 Grad wären immer noch 130 Millionen Menschen vom höheren Meeresspiegel betroffen. “Dies sind die Ausgangspunkte für die globalen Klimaverhandlungen im Dezember in Paris”, schreibt Climate Central. Die Analyse beschreibt die Auswirkungen der unterschiedlichen Erwärmungs-Szenarien für die Küsten aller Länder und aller Megastädte auf dem Planeten. Ein global durchsuchbares Mapping Choices Tool ordnet sie.

Einige der wichtigsten Erkenntnisse:

  • China, weltweit führend im CO2-Ausstoß, führt auch beim Küstenrisiko, mit 145 Millionen Menschen, die an Land letztlich durch steigende Meeresspiegel bedroht sind, wenn die Emissionen nicht reduziert werden.
  • China würde am meisten von einer Begrenzung auf 2° gewinnen, was die Gesamtzahl auf 64 Millionen verringern würde.
  • In zwölf weiteren Nationen leben jeweils mehr als 10 Millionen Menschen in Gefahr, angeführt von Indien, Bangladesch, Vietnam, Indonesien und Japan.
  • Die USA sind die am stärksten bedrohte Nation außerhalb Asiens, mit rund 25 Millionen Menschen auf entsprechendem Land.
  • Die Top-10 globalen Megacities mit bedrohten Populationen sind Shanghai, Hongkong, Kalkutta, Mumbai, Dhaka, Jakarta und Hanoi.

Climate Central hat eine überarbeitete Version seiner Surging Seas Risiko-Zonen-Karte eingeführt und hat die Karte aus der reinen US-Perspektive auf eine globale Abdeckung ausgedehnt (oben: Beispiel Hamburg) mit dem Ziel, ein leistungsfähiges neues Web-Tool zum globalen Verständnis und zur Kommunikation des Meeresspiegelanstiegs und der Überflutung von Küsten unter verschiedenen Szenarien von Kohlendioxydemissionen zur Verfügung zu stellen, zur besseren Information für die Küstenplanung und die weltweiten Resilienz-Anstrengungen.

Die Funktionen der New Risk Zone-Karte haben zum Inhalt:

  • die Fähigkeit zur Erkundung des Überflutungsrisikos bis zu 30 Meter (100 Fuß) Höhe über die Küstenlinien der Welt
  • Projektionen des lokalen Meeresspiegelanstiegs an mehr als 1.000 Küstenpegel auf sechs Kontinenten auf der Karte anzeigen
  • Hochwasserrisikoprojektionen an ausgewählten Küstenpegel innerhalb der Vereinigten Staaten eingeschlossen
  • Kundenspezifische Karten-Downloads via Kamera-Symbol in oberen rechten Eck des Bildschirms

Die Karte ist einbettbar und gezielt nach Stadt, Bundesland, Postleitzahl und anderen Ortsnamen durchsuchbar. Kartenbereiche unterhalb der ausgewählten Wasserstände werden als blau eingefärbte Satellitenbilder dargestellt, welche die Anfälligkeit für Überschwemmungen durch langfristigen Anstieg des Meeresspiegels, Sturmfluten und Gezeiten oder dauerhaftem Versinken durch Meeresspiegelanstieg zeigen. Kartenteile über dem ausgewählten Wasserstand werden in der Karte in weißen und blassen Grautönen dargestellt.

Kartenbeispiel New York mit verschiedenen Einfärbungen für das 4°- und das 2°-Szenario – © choices.climatecentral.org Kartenbeispiel New York mit verschiedenen Einfärbungen für das 4°- und das 2°-Szenario – © choices.climatecentral.org

 

==> weiterlesen bei Solarify

 

Quellen:

 

 

Selbstverbrennung: Schellnhubers Blick aufs Ganze

Schellnhuber, Hans J. : Selbstverbrennung
Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff

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Link zur hörenswerten Buchbesprechung im DLF

Alarmierender Report über die selbstzerstörerischen Folgen einer ungebremsten Erderwärmung Um jedes Zehntelgrad zu kämpfen lohne sich, davon ist Deutschlands wichtigster Klimaforscher mit internationaler Reputation überzeugt. Er streitet seit Jahrzehnten darum, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dem Klimawandel und seinen dramatischen Folgen endlich ins Auge sehen – und alles daran setzen, ihn aufzuhalten. In einem brisanten Thesenbuch spitzt er seine Kritik noch einmal zu: Nach derzeitigem Wissensstand bewegt sich unsere Zivilisation nicht auf die oft genannte selbstverbrennungTitelBuchZwei-Grad-Grenze, sondern viel dramatischer auf eine Erwärmung von 3 bis 4 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts zu. Die fortgesetzte Verbrennung fossiler Energieträger droht zum kollektiven Suizid zu führen. Hans Joachim Schellnhuber fasst das aktuelle Wissen in aller Schärfe zusammen, damit die Politiker auf der Schicksalskonferenz in Paris im Spätherbst 2015 die letzte Chance zum Umsteuern ergreifen.

 

Interview in DER TAGESSPIEGEL 2.11.2015

Klimaschutz „Der Reichtum zerstört die Umwelt“

15:24 UhrVon

Der Potsdamer Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber über sein Buch „Selbstverbrennung“ und warum er der evangelischen Kirche im Lutherjahr eine Debatte über ihren Fortschrittsbegriff nahe legt.

Herr Schellnhuber, Sie bezeichnen ihr neues Buch „Selbstverbrennung“ als ihr „Vermächtnis“. Darin verbinden Sie ihre naturwissenschaftliche Forschung mit den gesellschaftlichen Realitäten. Das hat in diesem Jahr auch der Papst mit seiner Schrift „Laudato Si!“ getan. Hat es Sie überrascht, dass ausgerechnet die katholische Kirche sich damit auf die Seite der Klimaforschung geschlagen hat?

 

Es hat mich deshalb nicht überrascht, weil ich in den vergangenen Jahren mehrfach Gelegenheit hatte, über die Pontifikal-Akademie Informationen in die Debatte einzuspeisen. Die Kirche hat die Erkenntnisse der Klimawissenschaft klar zur Kenntnis genommen und akzeptiert. Der zweite Grund, warum mich das nicht überrascht hat, ist der Papst selbst. In dem Moment, in dem er den Namen Franziskus angenommen hat, war das natürlich auch Programm: Franz von Assisi ist der interessanteste Heilige der katholischen Kirche. Die Solidarität mit den Schwachen, den weniger Talentierten, den Armen sowie die Harmonie mit der Natur waren seine großen Themen vor 800 Jahren, und dieser Papst hat genau das aufgegriffen. Er ist ein Visionär – und ein tapferer Mann. Das muss man im Vatikan übrigens auch sein.

Die andere große Kirche, die evangelische, hat sich in Deutschland dem Umweltthema schon früh zugewandt. Andererseits hat der Protestantismus mit seinem Arbeitsethos aber auch einiges zur Zerstörung des Planeten beigetragen. Wie sehen Sie die Umweltdiskussion in der evangelischen Kirche?

Man kann nicht sagen, dass der Umweltdiskurs dort nicht stattfindet. Aber die wahre Leidenschaft ist bisher nicht entstanden. Das Klimathema gehört irgendwie zum thematischen Kanon eines Seelsorgers, der die spirituelle Betrachtung der Welt vollzieht. Aber ich glaube auch, dass die evangelische Kirche, ähnlich wie die deutschen Gewerkschaften, ein Problem mit ihrem Fortschrittsbegriff hat: der Glaube an die permanente materielle Wohlstandssteigerung. Das Luther-Jubiläum 2017 wäre ein guter Zeitpunkt, um zu fragen: Braucht nicht auch die evangelische Kirche einen neuen Fortschrittsbegriff, der eher die Bewahrung der Schöpfung in den Vordergrund rückt als die immerwährende Expansion der fleißigen, unermüdlich schaffenden  Menschen über die Erde,. Vielleicht finden sie Erfüllung in der Arbeit – aber kein Glück.

Die Frage, wie Armut überwunden werden kann, ohne den Klimawandel weiter anzufeuern, ist allerdings von beiden Kirchen nicht wirklich beantwortet. Wie sehen Sie das: Verhindert Klimaschutz die Überwindung von Armut? Oder verhindert der Klimawandel die Überwindung der Armut?

Diese Frage hat mich jahrelang gequält. Franziskus macht ja etwas sehr Geschicktes: Er referiert die Aussagen ganzer Gruppen von Bischöfen und Kardinälen. Er ist ein extrem guter Diplomat – anders  könnte er auch als tapferer Mann kirchenpolitisch nicht überleben. Aber die Widersprüchlichkeit ist zu spüren. Steht Umwelt, die Bewahrung der Natur wirklich gegen die Entwicklungschancen der Mehrheit der Menschen? Inzwischen bin ich zu einer klaren Antwort gekommen: Es ist kein Gegensatz, ganz im Gegenteil! Es ist nicht die Armut, die die Umwelt zerstört. Es ist der Reichtum. Es ist die oberste Wohlstandsmilliarde der Menschen, die den Klimawandel verursacht. Die unterste Milliarde wird vielleicht Feuerholz suchen, aber bei der Zerstörung der Erde fällt das nicht ins Gewicht. Natürlich gibt es einen Druck auf die regionalen Ökosysteme. Aber selbst der wird stärker von multinationalen Agrarkonzernen ausgeübt – wie etwa beim Sojaanbau oder beim Anlegen von Palmölplantagen – als von der lokalen Bevölkerung. Die zweite große Verfälschung der Wirklichkeit liegt in der Behauptung, dass man um der Armen willen die Entwicklung, also etwa den Bau von Kohlekraftwerken, vorantreiben müsse. In Indien beispielsweise entlarvt sich das als blanke Schutzbehauptung. Zu der Vorstellung, dass man die letzte Inderin oder den letzten Inder irgendwo in einem abgelegenen Ort mit einem zentralen Stromnetz erreichen könnte, kann ich nur sagen: Viel Glück, da könnt Ihr lange warten. Die zusätzliche Elektrifizierung durch Kohlekraftwerke dient vor allem der Ober- und Mittelschicht. Die Armen werden gewissermaßen als menschliches Schutzschild verwendet, um eine Industriepolitik voran zu treiben, die den Eliten nützt. Das, was das Klima schützt, nützt zumeist auch den Armen: Also erneuerbare, dezentrale Energien, Recycling und ein effektiverer Umgang mit Ressourcen. Es ist für mich eine wichtige Erkenntnis, dass das, was zusammengehört, auch faktisch zusammenpasst.

Die neue soziale Frage?

Es ist jedenfalls nicht mehr der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit. Es geht inzwischen um den Ausgleich zwischen den heutigen und künftigen Generationen sowie zwischen Zentrum und Peripherie. Der Gegensatz besteht zwischen denen, die wirtschaftliche Macht besitzen, und die leben im Jetzt, und den „Unterliegern“ im Sinne eines Flusses, die keine Chance haben, an der Verteilung mitzuwirken. Eine Sozialdemokratie heute sollte die soziale Frage so stellen: Wie teile ich mit denen, die noch nicht geboren sind? Und: Wie teile ich mit denen, die an den Rändern der Weltwirtschaft vegetieren und bestenfalls als Zulieferer in den Sweat Shops in Kambodscha oder Bangladesch zählen. Das ist die himmelschreiende soziale Frage der Gegenwart, und erst, wenn die Sozialdemokratie diese Solidarität neu begreift, werde ich sie auch wieder Ernst nehmen.

Sie haben es in der Klimadebatte mit dem Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderung (WBGU) aber auch durch ihre Beratertätigkeiten geschafft, das Zwei-Grad-Ziel als Orientierungspunkt zu etablieren. Die globale Temperatur sollte nicht über die Zwei-Grad-Marke im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung steigen. Wie ist Ihnen das gelungen?

Wenn man eine Einsicht gewonnen hat, muss man beharrlich zu ihr stehen. Aber man muss auch ein bisschen Glück haben. Man muss Ohren finden, die sich öffnen, wenn man redet, und es müssen wichtige Ohren sein. Das kann man nicht planen. Aber, die Kraft von Ideen ist größer, als allgemein angenommen wird. Sie gehen ihren Weg. Langsam, manchmal beschleunigt durch Naturereignisse. Das ist kein Trost, weil wir beim Klimawandel auf jede Stunde angewiesen sind, um zu handeln. Trotzdem ist Geduld notwendig. Doch man muss die Entscheidungsträger auch nerven. Man muss immer wieder nachfragen. Oft wird man abgewimmelt, oder es wird ausgewichen. Man muss dann halt weiter nerven. Das hat Bundeskanzlerin Angela Merkel beim 20-Jahres-Kongress des WBGU sehr schön formuliert. Sie hat gesagt: „Fallen Sie uns auch weiterhin auf den Wecker. Das ist Ihre Aufgabe.“

Allein in meiner Lebenszeit hat sich die Welt gewaltig verändert. Den Mauerfall hatte ich nicht erwartet, oder das mobile Geld in Kenia. Heißt das im Umkehrschluss nicht auch: Veränderungen können auch ganz schnell passieren?

Die nicht-linearen und abrupten Entwicklungen in der Gesellschaft sind vielleicht sogar noch interessanter als die in der Natur. Und das ist ein Grund zur Hoffnung. In Paris wird es wohl einen bescheidenen Verhandlungserfolg geben, aber keinen Anlass, uns entspannt zurückzulehnen. Aber das Tempo, in dem Innovationen stattfinden, hat sich seit dem Beginn der Industrialisierung gewaltig beschleunigt. Und das geschieht auch im Augenblick: Das neue System, das überlebensfähige, also die erneuerbaren Energien, zerstören das alte System. Das ist bereits tot, hat es aber noch nicht wahrgenommen.

Moralisch überholt.

Auch ökonomisch und technisch. Da kommt die Psychologie der Investoren ins Spiel. Wenn eine Idee ganz neu ist, und der Marktanteil klein, dann ist sie nicht attraktiv, weil man das Neue als Spinnerei und riskant abtut. Wenn der Anteil mal mehr als ein Drittel oder schon die Hälfte ist, ist die Idee nicht mehr interessant, weil es quasi alle machen. Aber im Moment kippt das System. Die Investitionen werden aus den fossilen Geschäften wie der Kohle abgezogen und in erneuerbare Energien gesteckt. Wenn ein Investor die Wahl hat, in ein neues Kohlekraftwerk zu investieren, oder in ein großes Solarkraftwerk, dann ist völlig klar, was der Investor tun wird. Alles kann sehr schnell gehen und das muss es auch. Denn mit den normalen Raten an Innovation, Effizienzsteigerung und so weiter, werden wir die Zwei-Grad-Linie nicht halten. Die Entwicklung muss also nicht-linear verlaufen. Das fossil-nukleare System dürfte implodieren wie die Sowjetunion implodiert ist. Es könnte allerdings auch anders herum kommen, dass wir nämlich zurück ins alte System schwingen. Und dann sehe ich schwarz für die Menschheit.

Ist Klimaschutz nur Politik und Wirtschaft?

Wir Verbraucher treffen täglich Konsumentscheidungen mit großen Auswirkungen auf das Klimasystem. Wenn wir alle nur noch einmal in der Woche Fleisch essen oder sogar ganz darauf verzichten würden, hätte das einen unmittelbaren Klimanutzen – und würde Landkonflikte mindern, weil weniger Anbaufläche für Viehfutter gebraucht würde. Eigentlich gibt es genug fruchtbare Böden auf der Welt, um alle zu ernähren. Ich will weg davon, dass man immer bequem mit dem Finger auf andere deutet: das System, das Kapital, die Firmen. Ja sicher. Aber selbst die größten Konzerne brechen zusammen, wenn die Kunden sie meiden. Sehr viele Kleininvestoren können scheinbar übermächtige Institutionen in die Knie zwingen. Deshalb plädiere ich ja auch für den Klimaschutz als Weltbürgerbewegung.

Die Konsumenten haben Macht, das ist wahr. Aber oft sind sie allein und nicht organisiert.

Klimaschutz muss zweifellos auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Natürlich braucht es die politische Ebene. Auch Führungsstärke ist nötig. Aber eben vor allem die Verantwortung des Einzelnen.

Schockierendes Interview mit James Hensen in CNN

Es kommt viel schneller, sehr viel dicker als gedacht – wenn wir nicht endlich ernsthaft, radikal und schnell handeln.

 

 

James Hansen ist immer für eine Überraschung gut. In jedem Fall horcht alle Welt auf, wenn sich der umtriebige Klimawissenschaftler (ehemals NASA, jetzt am Earth Institute der Columbia University) zu Wort meldet. Und das hat er jetzt wieder: Nur wenige Monate vor dem Klimagipfel in Paris veröffentlicht er eine gemeinsam mit anderen Wissenschaftler/innen verfasste Studie zum Meeresspiegelanstieg. Interessanterweise ist die Studie nicht – wie sonst eher üblich – „peer reviewed“, sondern das wissenschaftliche Review findet live und öffentlich zu verfolgen als interaktive Diskussion auf der Website des Open Access Journalis Atmospheric Chemistry and Physics Journals statt.

Hansen selbst begründet dieses Vorgehen mit dem Zeitfaktor: Die Ergebnisse seien dermaßen alarmierend, dass man es sich schlicht nicht leisten könnte, Monate zu warten, bis sie veröffentlicht werden. Die Politik soll vor dem Klimagipfel in Paris Kenntnis haben von dem, was er und sein Team herausgefunden haben.

Die Studie wird bereits seit Tagen in den Medien diskutiert, u.a. in der Washington Post und in der Huffington Post. Die beunruhigenden Fakten, die die Wissenschaftler/innen auf den Tisch legen: Erdgeschichtlich haben Zeiten, in denen es nur 1°C wärmer war als heute, zu einem Meeresspiegelanstieg von 5 bis 9 Metern geführt. Das liegt wohl an der Erwärmung der Ozeane, mit denen die Eisschollen Kontakt haben. Wir können uns laut Hansen auf mehrere Meter Meersspiegelanstieg in den kommenden 50 Jahren sowie erhebliche Stürme einstellen. Das liegt weit über den Annahmen des letzten Sachstandsberichts des Weltklimarats.

Hansen und sein Team kommen zum Schluss:

„We conclude that 2 °C global warming above the preindustrial level, which would spur more ice shelf melt, is highly dangerous.“

Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung sind auch die Expert/innen des „Structured Expert Dialogue (SED)“ der UN Klimarahmenkonvention (UNFCCC) gekommen. Sie haben im Mai 2015 ihren technischen Bericht vorgelegt, nachdem sie zwei Jahr lang geprüft hatten, wie adäquat das 2°C-Ziel ist

Was machen unsere Staats- und Regierungschefs und -chefinnen nun, wenn ihnen die Wissenschaft auf der einen Seite erklärt, dass das 2°C-Limit weder ein Ziel sein sollte noch uns in irgendeiner Weise ausreichend vor katastrophalem Klimawandel schützen wird, und auf der anderen Seite die Stimmen derjenigen lauter werden, die sagen, das 2°C-Ziel sei politisch und technologisch nicht zu halten; man müsse sich halt auf einen „Overshoot“ einstellen und planen, mit Geoengineering zusätzliches CO2 aus der Atmosphäre zu holen?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Aber zumindest ein paar einfache Nachfragen seien erlaubt: Was bitteschön ist denn „politisch realistisch“? Ist es politische realistisch, eine Welt mit einem 10 Meter höheren Meeresspiegel, häufigen Extremwetterereignissen und Milliarden von Klimaflüchtlingen zu „managen“? Ist es politisch realistischer, dass sich die Regierungen kleiner Inselstaaten und Bürgermeister/innen großer Küstenstädte um die Umsiedlung von Millionen von Menschen kümmern, als dass sich ein paar Millionen Europäer/innen, Nordamerikaner/innen, Australier/innen und Japaner/innen mit weniger und sauberer Energie sowie weniger Flugreisen zufriedenstellen lassen?

Ja, eine schnelle, radikale und endgültige Dekarbonisierung unserer Wirtschaft und Lebensweisen ist möglich. Schwer dabei ist nur die Überwindung des Widerstands derjenigen, die dabei viel zu verlieren haben.

Papst: Letzte Ölung für CO2 Lobby?

Zum ersten Mal in der Geschichte der katholischen Kirche befasst sich eine Enzyklika mit Klimaschutz und Umwelt. Papst Franziskus mahnt in seiner Schrift eine radikale Umkehr an und ein Ende des ‚unersättlichen und unverantwortlichen Wachstums‘.

Tagesthemen: Enzyklika veröffentlicht – PAPST wirbt für Umweltschutz und erneuerbare Energien – 18.06. 2015

#LaudatoSi – Klimaforscher Latif lobt Umweltenzyklika

Kardinal Marx lobt Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus, nachdem ich den Kardinal noch kurz vorher in Mainz bei einer Veranstaltung der GRÜNEN in der Rheingoldhalle gesehen hatte.

 

USA:  selbst ultrareaktionäre FOX NEWS werden (teilweise) nachdenklich

Der Papst wird von einem sehr merkwürdigen Gast in FOX News andererseits zum „gefährlichsten Menschen auf Erden“ erklärt.

CNN: Position des Papstes wird enormen Einfluss haben

CNN bewundert die klare Sprache des Papstes

Wir zerstören die Grundlagen unserer Existenz schneller als die Natur sie reparieren kann