Wissenschaftler helfen Lesern, in der Berichterstattung zum Klima Fakten von Fiktion zu unterscheiden

 

Gastbeitrag von Emmanuel Vincent

Während 2016 auf dem Weg ist, 2015 locker als das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen zu übertreffen,  behaupten immer noch einige Schlagzeilen in sonst renommierten Medien, dass „2015 nicht einmal annähernd heißestes Jahr seit Messbeginn war” (Forbes, Jan 2016) oder dass der „Planet sich nicht überhitzt …“ (The Times of London, Februar 2016). Solche Verfälschungen durch die Medien verwirren die Öffentlichkeit und behindern, dass unsere politischen Entscheidungsträger eine gut informierte Perspektive entwickeln und auf Evidenz gegründete Entscheidungen treffen.

Professor Lord Krebs argumentierte kürzlich in einem Kommentar in The Conversation, dass „korrekte Berichterstattung über Wissenschaft wichtig ist“, und dass es zu den beruflichen Pflichten der Wissenschaftler gehört, „schlechte Medienberichte über den Klimawandel zu hinterfragen“. Er folgerte, dass „wenn genug [Wissenschaftler] dies regelmäßig tun, sich [die Wissenschafts-Berichterstattung] verbessern wird – zum Nutzen der Wissenschaftler, der Öffentlichkeit und in der Tat des Journalismus selbst.“

Das ist genau das, was ein neues Projekt namens Climate Feedback tut: es gibt Hunderten von Wissenschaftlern aus der ganzen Welt die Möglichkeit, nicht nur unwissenschaftliche Berichterstattung über den Klimawandel in Frage stellen, sondern auch akkuraten Wissenschaftsjournalismus hervorzuheben und zu unterstützen.

Das Projekt nutzt eine neue Online-Plattform zur Textkommentierung namens Hypothesis, um vom wissenschaftlichen „Peer Review“ inspirierte Analysen von einflussreichen Klimawandel-Artikeln in den Medien zu erstellen.Dieses Kommentierungs-Werkzeug ermöglicht es Forschern, Artikel gemeinsam zu analysieren; derwissenschaftliche Fakten-Check wird direkt dem Original-Text überlagert, so dass die Leser Satz für Satz die Anmerkungen der Wissenschaftler direkt neben dem Artikel sehen (siehe Abbildung unten).

Wissenschaftler, die zu diesem „Feedback“ beitragen, werden auch eingeladen, ein Gesamturteil der Glaubwürdigkeit des Artikels abzugeben in Form einer „5-Sterne“ Bewertung (im Bereich von -2 für „sehr niedrig“ bis +2 für „sehr hoch“). Diese Bewertung misst die Logik der Argumentation, die Objektivität des Stückes und vor allem ob die Fakten stimmen. Sie ermöglicht Lesern, rasch zu erkennen,  ob das, was sie lesen, mit dem Stand der Wissenschaft in Einklang steht.

Lomborg

Ein Beispiel für ein Climate Feedback in Aktion. Kommentare von Wissenschaftlern (und Bewertungen) erscheinen als eine Schicht über dem Artikel. Der mit Hypothesis kommentierte Text wird gelb im Browser hervorgehoben und die Wissenschaftler-Kommentare erscheinen in einer Randspalte neben dem Artikel. Klicken Sie hier, um es live zu sehen.

Ein Beispiel dafür, wie es funktioniert, sehen Sie anhand der Kommentare von 14 Wissenschaftlern zu einem vor kurzem analysierten Stück in The Telegraph von Björn Lomborg. Dessen wissenschaftliche Glaubwürdigkeit wurde insgesamt mit „gering bis sehr gering“ bewertet. Artikel wie diese sind besonders irreführend, weil sie auf den ersten Blick vernünftig und wissenschaftlich klingen, weil der Autor wissenschaftliche Studien zitiert. Als jedoch Wissenschaftler  – einige von ihnen Autoren der zitierten Studien –  um Feedback gebeten wurden, erläuterten sie, dass Lomborg ihre wissenschaftliche Forschung falsch dargestellt hatte, um dadurch nicht gestützte Schlüsse zu ziehen.

Gillis

Umgekehrt hebt Climate Feedback auch seriöse Berichterstattung über den Klimawandel hervor. Zum Beispiel bewerteten 7 Wissenschaftler die Glaubwürdigkeit eines New York Times Artikels von Justin Gillis über den Anstieg des Meeresspiegels als „hoch bis sehr hoch“. Die Meeresspiegel-Expertin Prof. A Dutton schrieb: „Dieser Artikel ist eine genaue und aufschlussreiche Zusammenfassung der kürzlich veröffentlichten Forschungsergebnisse zu diesem Thema. Justin Gillis hat einen starken Hintergrund zu diesem Thema, der sich durch seine sorgfältige Sprache und sein nuanciertes Verständnis der Fragestellungen zeigt.

[Anmerkung S.R.: Die angesprochene Titelgeschichte der New York Times handelte übrigens von einer Meeresspiegelstudie, an der mein Doktorand Klaus Bittermann und ich zusammen mit US-Kollegen gearbeitet hatten. Die journalistische Arbeit von Justin Gillis hatten wir bereits 2010 hier gewürdigt.]

Über die Information der Leser hinaus bietet Climate Feedback auch Feedback für Journalisten, Autoren und Redakteure über die Erkenntnisse von Wissenschaftlern, und zeigt so einen Weg in die Zukunft für eine genauere Wissenschafts-Berichterstattung auf. Dieser Ansatz hat bereits journalistische Standards verbessert. Zum Beispiel veröffentlichte The Telegraph eine Korrektur, nachdem Wissenschaftler einen Artikel gegengelesen hatten, in dem behauptet wurde, dass für die 2030er Jahre eine Eiszeit unterwegs sei.

Climate Feedbacks Analysen können auch als Referenz für Menschen dienen, die Fehlinformationen durch Medien entgegenwirken möchten, so wie einige Mitglieder des britischen House of Lords im letzten Monat in ihrem Brief an die Times of London, in dem der Chefredakteur der Zeitung gebeten wurde, über die Realitäten des Klimawandels genauer zu berichten.

Climate Feedback hat vor kurzem vorgeschlagen, einen „Scientific Trust Tracker“ zu schaffen , eine Art Gesamtnote aus allen Wissenschaftler-Bewertungen und Kommentaren zu einer bestimmten Nachrichtenquelle.Diese könnte dazu dienen, die Öffentlichkeit über die generelle Zuverlässigkeit einer Quelle in der Vergangenheit zu informieren, und als Hinweis darauf, ob eine besondere Skepsis bei Klimanachrichten aus Quellen angebracht sein könnte, die eine Vorgeschichte von irreführenden oder nicht durch Belege gestützten Artikeln haben.

Während das Projekt bis jetzt eher als Experiment läuft, planen wir nun, es auszuweiten und werben derzeit öffentlich um Mittel, um einen wissenschaftlichen Editor einstellen zu können, der die Artikel-Bewertung auf einer regelmäßigen Basis koordiniert. Die Crowd-Funding Kampagne hat bereits mehr als 85% ihrer Zielmarke von US$ 30.000 erreicht. Wenn Sie der Wissenschaft beistehen möchten, können Sie diese Initiative hier unterstützen: https://igg.me/at/Stand-with-Science.

Emmanuel Vincent ist Wissenschaftler an der University of California und einer der Gründer von Climate Feedback.