Die Zukunft schmilzt

Ich habe gerade des Buch von Nick Reimer „Schlusskonferenz – Geschichte und Zukunft der Klimadiplomatie“  gelesen.  Franz Alt schreibt dazu auf seiner SONNENSEITE:

Summa Summarum: Dieses „Schluss-Konferenz“ -Buch „packt“ einen! Jeder, der sich wirklich für den Klimaschutz engagiert, sollte es unbedingt lesen! Es ist eines der, nein DAS spannendste Sachbuch, das der Rezensent je gelesen hat!

Ein Beitrag von Nick Reimer, erschienen im FREITAG, Ausgabe 30/15.

Erderwärmung Die Daten sind eindeutig. Bald könnte der Punkt erreicht sein, an dem der Klimawandel unumkehrbar wird. Doch die internationale Politik findet bisher keine Antwort

Der 9. Mai 2013 war ein gewöhnlicher Donnerstag. Der ADAC und die Post gaben den Start ihrer ersten Fernbuslinie von München nach Köln bekannt, der Aufsichtsrat des zukünftigen Hauptstadtflughafens BER verlangte „endlich ein realisierbares Eröffnungskonzept“. Kanada besiegte Schweden im Eishockey.

Ein ziemlich normaler Tag also. Und doch wird dieser Donnerstag in die Geschichte eingehen. Zum ersten Mal nämlich haben die Wissenschaftler der Forschungseinrichtung Mauna Loa auf Hawaii in der Luft eine Treibhausgaskonzentration von 400 pro Million Teile gemessen. „Was wir heute sehen, ist zu 100 Prozent von Menschen verursacht“, erklärte Pieter Tans von der US-Behörde für die Ozeane und die Atmosphäre, NOAA. So hoch wie an diesem 9. Mai sei die Treibhausgasbelastung der Atmosphäre zuletzt vor zwei Millionen Jahren gewesen.

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Die Bedingungen für atmosphärische Untersuchungen sind ideal auf dem 4.170 Meter hohen Vulkan Mauna Loa, die Höhenluft unterliegt kaum lokalen oder von Menschen verursachten Einflüssen – die nächsten Industrieschlote sind tausende Kilometer weit weg. Seit Beginn der Messreihe 1958 hat sich an der Ausrüstung und den Messmethoden nichts wesentlich verändert, die Wissenschaftler um Pieter Tans nehmen vier Proben pro Stunde. 1958 waren darin 315 Teile Kohlendioxid pro Million Teile Luft enthalten, 1970 waren es 324 „parts per million“, abgekürzt ppm.

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NOAA CO2 Oktober 2015

Als die Staatschefs der Welt 1992 auf dem Gipfel von Rio de Janeiro die Klimarahmenkonvention beschlossen, registrierten die Wissenschaftler bereits 354 ppm. Man wolle „gefährliche Störungen“ des Klimasystems der Erde vermeiden, heißt es in der Konvention. Seit 20 Jahren treffen sich jährlich die 195 Staaten, die unterschrieben haben, zur Vertragsstaatenkonferenz COP. Doch statt der klimatischen Entwicklung Einhalt zu gebieten, steigt Jahr für Jahr die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre weiter an. In diesem Frühjahr registrierten erstmals alle Messstationen dieser Welt Werte oberhalb von 400 ppm.

Kipp-Elemente

Die Wissenschaft hat ziemlich genau berechnet, ab welchem Punkt „gefährliche Störungen“ eintreten werden. Jenseits von einer Konzentration von 450 ppm wird die globale Oberflächentemperatur um zwei Grad im Durchschnitt steigen – ein Punkt, ab dem sich die Erderwärmung aller Voraussicht nach verselbstständigen wird. Die Forschung hat sogenannte Kipp-Elemente ausgemacht, die Permafrostböden zum Beispiel. Unter der dauergefrorenen Erde Sibiriens und Nordamerikas sind Abermilliarden Kubikmeter Methan eingesperrt. Wenn es austritt, heizt es den Klimawandel zusätzlich an. Der Effekt ist bei Methan 21 Mal so stark wie bei Kohlendioxid.

Tipping Point

An den Polen verläuft die Erderwärmung deutlich stärker als am Äquator, eine um zwei Grad gestiegene Globaltemperatur bedeutet dort fünf bis sechs Grad mehr. Deshalb ist dort ein zweiter Kipp-Punkt zu befürchten. Durch die Erwärmung schmelzen die „schwimmenden Spiegel“, das Eis auf dem Nordpol. Die unbedeckte Wasseroberfläche reflektiert aber die Sonnenenergie nicht mehr, das dunkle Meerwasser schluckt die Energie, speichert sie und beschleunigt so die Erderwärmung weiter. Mehr als zehn solcher Kipp-Elemente hat die Wissenschaft lokalisiert.

Die Klimadiplomaten haben auf ihrer Vertragsstaatenkonferenz im Jahr 2010 deshalb das Zwei-Grad-Ziel beschlossen. Dazu müssen die Emissionen spätestens 2020 jährlich sinken. 2050 sollen die Emissionen dann 80 Prozent unter dem Niveau von 1990 liegen und in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts muss die Wirtschaft praktisch ohne fossile Rohstoffe auskommen.

Deshalb – das ist Beschlusslage der Weltklimadiplomatie – sollen ab 2020 alle Staaten Klimaschutz betreiben. Das wird nur mit einem neuen Weltklimavertrag gehen: Im bestehenden Regime, dem Kyoto-Protokoll von 1997, müssen nämlich nur die Industriestaaten ihre Emissionen reduzieren. Sie sind für 80 Prozent aller Treibhausgase verantwortlich, weshalb sie sich im Kyoto-Protokoll verpflichteten, ihre Emissionen bis 2012 um 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Allerdings haben die USA als ehemals größter Kohlendioxid-Produzent das Protokoll nie in nationales Recht umgesetzt. China ist heute zum größten CO2-Verursacher aufgestiegen, Schwellenländer wie Brasilien, Indien, Saudi-Arabien oder Südkorea in die Top Ten der größten Klimasünder aufgerückt. Auch auf diese Veränderungen muss die Klimapolitik reagieren.

Seit Jahren wird nun um einen neuen Vertrag verhandelt, im Dezember findet der nächste große Klimagipfel in Paris statt. Er soll endlich eine Einigung bringen. Zugleich ist Paris aber auch die letzte Chance der Klimadiplomatie. Sollten die Staatsvertreter tatsächlich einen neuen Weltklima-Vertrag beschließen, blieben lediglich vier Jahre Zeit, um diesen zu ratifizieren, ihn also in nationales Recht umzusetzen. Beispielsweise muss der Deutsche Bundestag ein „Gesetz zur Ratifizierung des Paris-Protokolls“ beschließen. Der Bundesrat muss am Verfahren beteiligt werden. Die Erfahrung zeigt, dass dieser Prozess zeitraubend ist: Beim Kyoto-Protokoll dauerte es acht Jahre, bis genug Staaten an Bord waren und der Vertrag gültig wurde.

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Wie schwierig internationaler Klimaschutz ist, verdeutlichen die nackten Zahlen: In der Erdkruste sind insgesamt noch 12.000 Gigatonnen fossiler Kohlenstoff vorhanden – genug, um die globale Oberflächentemperatur auf über 50 Grad anzuheizen. Immer tiefer dringen die Ölkonzerne in die schmelzende Arktis vor, um den Schmierstoff des Kapitalismus zu fördern, immer tiefer werden Bohrungen in den Meeresboden gerammt, immer euphorischer werden neue Technologien wie das Fracking propagiert. Soll der globale Temperaturanstieg aber auf zwei Grad begrenzt werden, müssen 11.770 Gigatonnen dieses Kohlenstoffvorrats in der Erde bleiben. Verbrannt, also zu Treibhausgasen umgewandelt werden dürfen lediglich noch 230 Gigatonnen.

Die fossilen Konzerne sind die wirtschaftlich potentesten der Welt. In Russland, Saudi-Arabien, Angola oder Venezuela sind sie Staatskonzerne. Regierungsamtlich auf die Förderung von Öl und Gas zu verzichten, käme da faktisch einer selbstorganisierten Staatskrise gleich. Nicht von ungefähr kommen die größten Bremser des Prozesses aus diesen Staaten. Gesellschaften, die wie die USA, Katar, Australien oder Kanada ihren Reichtum auf das Fördern von fossilen Brennstoffen gründen, haben ebenfalls kein Interesse an einem Rückgang. Und warum sollte Wladimir Putin den Kohlenstoff in der Erdkruste belassen, wenn dies nicht einmal die deutschen Sozialdemokraten bei der Brandenburger Braunkohle in Betracht ziehen?

Es geht in der Klimadiplomatie aber längst nicht mehr nur um Treibhausgase: Beschlusslage ist ebenfalls, dass die Industriestaaten ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar in den globalen Süden transferieren. Denn dort sind die Folgen der Erderwärmung bereits heute zu spüren. Stürme, Dürren und Überschwemmungen nehmen zu. Den Ländern fehlt aber oft das Geld, sich daran anzupassen. Für die Jahre bis 2020 stellten die Industriestaaten jeweils 2,5 Milliarden zur Verfügung, woher die fehlenden 97,5 Milliarden2015-05-29_SilentClimateParadeMainz_3 kommen sollen, ist derzeit völlig unklar. „Wir verhandeln über ein Umweltabkommen. Finanztitel werden nicht in Umweltabkommen festgeschrieben, sondern in den dafür vorgesehenen Foren und Mechanismen“, sagte der Schweizer Verhandlungsführer Franz Perrez. Finanzfragen würden von den Finanzministern und den Parlamenten entschieden – und zwar innerhalb der jährlichen Haushaltsberatungen. Nur was sind die Absichtserklärungen dann überhaupt wert?

 

Ökodiktatur vs. Ökokratie

Auf dem Spiel steht aber noch mehr als nur die Stabilisierung des Weltklimas. Die Klimakonferenz COP 21 wird in Paris auch darüber entscheiden, ob die Vereinten Nationen in der Lage sind, Menschheitsprobleme des 21. Jahrhunderts zu lösen. Keine andere multilaterale Organisation hat sich demokratische Prinzipien in dem Maße zu eigen gemacht wie die UNO. Jeder Staat hat eine Stimme, beschlossen werden kann gemäß UN-Statuten nur, was alle Staaten mittragen.

Sogar die Diktatoren dieser Welt haben sich bei der Klimadiplomatie auf diese Prinzipien eingelassen. Zudem hat jede Interessengruppe Zugang zu den Verhandlungen, Greenpeace genau so wie Indigenen-Vertreter, die Weltbank, Wirtschaftslobbyisten oder Frauenrechtlerinnen. Kein anderer Prozess in der Menschheitsgeschichte ist über zwei Jahrzehnte je transparenter verlaufen als die Klimadiplomatie unter dem Dach der UNO.

Ein neuerliches Scheitern der Klimadiplomaten würde zeigen, dass die Rivalität der Staaten um den Lagerplatz in der Atmosphäre nicht gemeinschaftlich zu lösen ist. Hans Joachim Schellnhuber, Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, hatte bereits vor dem Klimagipfel in Kopenhagen gewarnt, wenn die Treibhausgasemissionen nicht schnell verringert würden, sei Klimaschutz nur noch „im Rahmen einer Kriegswirtschaft zu leisten“. Die Klimadiplomaten verhandeln darüber, ob die Kriegserklärung noch vermeidbar ist.

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Seit zehn Jahren diskutieren die Klimadiplomaten über das neue Abkommen, im Fall eines Scheiterns wird das System der Klimagipfel jede Legitimität verlieren. Die UNO wäre als Anlaufort für Menschheitsfragen schwer angeschlagen. In Paris haben die Klimadiplomaten zum letzten Mal die Chance, zu beweisen, dass demokratische Prozesse und Strukturen am besten für die Entfaltung der menschlichen Spezies sind.

Scheitern die Diplomaten, kommt das, was am Ende einer jeden Epoche auf die Spezies zukam: Verteilungskämpfe, Überlebenskämpfe, kriegerische Auseinandersetzungen oder womöglich auch ein neuer Weltkrieg. Der Schriftsteller Dirk Fleck, von der taz einst als „Erfinder des Ökothrillers“ geadelt, entwarf in seinem Roman GO! Die Ökodiktatur von 1993 eine Welt im Jahr 2040, nach dem klimatischen Kollaps. Zur Linderung herrschen „Ökoräte“, die den Menschen den Speiseplan vegetarisch verordnen, Geld und Reisen abschaffen, Arbeitsdienste für das Überleben vorschreiben und Neubauten verbieten. Es ist eine Dystopie, die Hardcore-Variante einer möglichen Zukunft nach dem Kollaps.

Die andere Variante lieferte der Journalist und Autor Bernhard Pötter mit seinem Fragebuch: Ausweg Ökodiktatur? Pötter versucht der Diktatoren-Prophezeihung etwas entgegenzusetzen, er nennt es Ökokratie: „Die Ökokratie ist keine Ökodiktatur, die die individuellen Rechte grundsätzlich abschafft und alle Lebensbereiche autoritär gestaltet. Die Ökokratie fordert Beschränkungen, um die Freiheit zu erhalten. Denn die Freiheit in unserer Zeit ist nicht nur die Freiheit der Andersdenkenden. Heute ist sie auch die Freiheit der anderswo Lebenden und der Nachgeborenen.“

Nick Reimer ist Chefredakteur von klimaretter.info und Autor von Schlusskonferenz. Geschichte und Zukunft der Klimadiplomatie (Oekom)

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Was wenn das alles nur ein Scherz ist und wir bauen eine besser Welt für nix?

Schockierendes Interview mit James Hensen in CNN

Es kommt viel schneller, sehr viel dicker als gedacht – wenn wir nicht endlich ernsthaft, radikal und schnell handeln.

 

 

James Hansen ist immer für eine Überraschung gut. In jedem Fall horcht alle Welt auf, wenn sich der umtriebige Klimawissenschaftler (ehemals NASA, jetzt am Earth Institute der Columbia University) zu Wort meldet. Und das hat er jetzt wieder: Nur wenige Monate vor dem Klimagipfel in Paris veröffentlicht er eine gemeinsam mit anderen Wissenschaftler/innen verfasste Studie zum Meeresspiegelanstieg. Interessanterweise ist die Studie nicht – wie sonst eher üblich – „peer reviewed“, sondern das wissenschaftliche Review findet live und öffentlich zu verfolgen als interaktive Diskussion auf der Website des Open Access Journalis Atmospheric Chemistry and Physics Journals statt.

Hansen selbst begründet dieses Vorgehen mit dem Zeitfaktor: Die Ergebnisse seien dermaßen alarmierend, dass man es sich schlicht nicht leisten könnte, Monate zu warten, bis sie veröffentlicht werden. Die Politik soll vor dem Klimagipfel in Paris Kenntnis haben von dem, was er und sein Team herausgefunden haben.

Die Studie wird bereits seit Tagen in den Medien diskutiert, u.a. in der Washington Post und in der Huffington Post. Die beunruhigenden Fakten, die die Wissenschaftler/innen auf den Tisch legen: Erdgeschichtlich haben Zeiten, in denen es nur 1°C wärmer war als heute, zu einem Meeresspiegelanstieg von 5 bis 9 Metern geführt. Das liegt wohl an der Erwärmung der Ozeane, mit denen die Eisschollen Kontakt haben. Wir können uns laut Hansen auf mehrere Meter Meersspiegelanstieg in den kommenden 50 Jahren sowie erhebliche Stürme einstellen. Das liegt weit über den Annahmen des letzten Sachstandsberichts des Weltklimarats.

Hansen und sein Team kommen zum Schluss:

„We conclude that 2 °C global warming above the preindustrial level, which would spur more ice shelf melt, is highly dangerous.“

Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung sind auch die Expert/innen des „Structured Expert Dialogue (SED)“ der UN Klimarahmenkonvention (UNFCCC) gekommen. Sie haben im Mai 2015 ihren technischen Bericht vorgelegt, nachdem sie zwei Jahr lang geprüft hatten, wie adäquat das 2°C-Ziel ist

Was machen unsere Staats- und Regierungschefs und -chefinnen nun, wenn ihnen die Wissenschaft auf der einen Seite erklärt, dass das 2°C-Limit weder ein Ziel sein sollte noch uns in irgendeiner Weise ausreichend vor katastrophalem Klimawandel schützen wird, und auf der anderen Seite die Stimmen derjenigen lauter werden, die sagen, das 2°C-Ziel sei politisch und technologisch nicht zu halten; man müsse sich halt auf einen „Overshoot“ einstellen und planen, mit Geoengineering zusätzliches CO2 aus der Atmosphäre zu holen?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Aber zumindest ein paar einfache Nachfragen seien erlaubt: Was bitteschön ist denn „politisch realistisch“? Ist es politische realistisch, eine Welt mit einem 10 Meter höheren Meeresspiegel, häufigen Extremwetterereignissen und Milliarden von Klimaflüchtlingen zu „managen“? Ist es politisch realistischer, dass sich die Regierungen kleiner Inselstaaten und Bürgermeister/innen großer Küstenstädte um die Umsiedlung von Millionen von Menschen kümmern, als dass sich ein paar Millionen Europäer/innen, Nordamerikaner/innen, Australier/innen und Japaner/innen mit weniger und sauberer Energie sowie weniger Flugreisen zufriedenstellen lassen?

Ja, eine schnelle, radikale und endgültige Dekarbonisierung unserer Wirtschaft und Lebensweisen ist möglich. Schwer dabei ist nur die Überwindung des Widerstands derjenigen, die dabei viel zu verlieren haben.

taz: 2-Grad-Ziel adios

Bernhard Pötter, taz Redakteur für Wirtschaft und Umwelt begräbt in der taz Ausgabe vom 9. Mai 2015 das 2-Grad-Ziel. Ich glaube fürchterliche Wahrheit ist: er hat recht.

Seine Argumente:

Die Beschwörungsformel ist immer die gleiche: „Das 2-Grad-Ziel ist eine Herausforderung, aber immer noch machbar!“. Egal ob von der Weltbank, der UNO oder den Thinktanks – noch, so die Zuversicht, lässt sich die Erderwärmung unter der magischen Grenze von 2 Grad Celsius halten und der Klimawandel damit beherrschen.

Falsch, sagen nun immer mehr Experten und Analysten. Für sie ist das 2-Grad-Ziel tot und wird von der Politik nur noch künstlich am Leben erhalten. Längst seien die weltweiten Emissionen zu hoch, soeben erst ist die Konzentration des Klimagases CO2 wieder mal auf einen neuen Rekordwert geklettert.

Damit gerät die Grundlage der UN-Klimaverhandlungen ins Wanken. Und diese Woche setzte Oliver Geden, Klimaexperte bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) noch einen drauf: Die Wissenschaftler riskierten ihren guten Ruf, wenn sie das Spiel weiter mitmachen, schreibt Geden in der Zeitschrift Nature: „Die Klimaberater müssen ihre Integrität bewahren“, fordert er. Statt „falschen Optimismus zu verbreiten, müssen sie ihre intellektuelle Unabhängigkeit und Ergebnisse verteidigen – egal wie politisch unbequem diese sind.“

Für Geden leisten die Wissenschaftler Beihilfe zu einer Politik, die Entscheidungen scheut: „Die Politiker sind erfreut, zu hören, dass selbst nach 20 Jahren steigender Emissionen das 2-Grad-Ziel theoretisch noch in Reichweite liegt. Sie ignorieren einfach das Kleingedruckte der IPCC-Berichte.“ Jedes Jahr würden die Szenarien der Forscher in ihren Annahmen optimistischer, kritisiert der Politologe.

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Radikale Umgestaltung nötig

Seine Kritik teilen weltweit viele renommierte Forscher und in persönlichen Gesprächen auch viele Klimadiplomaten. Für EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete wäre die Klimakonferenz von Paris im Dezember nun schon „kein Fehlschlag“, wenn sie nur einen Fahrplan zu 2 Grad, aber nicht die dafür nötigen Emissionen festschriebe.

Die Zweifel am zentralen Ziel im Klimaschutz kommen zur unpassenden Zeit. Gerade läuft die diplomatische Maschine für Paris warm: Lange Texte werden eingedampft, Verbündete gesucht, das Thema wird auf die Tagesordnung der G 7 gesetzt. Alles mit einem Fokus: 2 Grad. Darauf zielen auch die Selbstverpflichtungen zum Klimaschutz, die die Staaten derzeit bei den UN abgeben.

Deshalb bemüht sich auch das Klima-Sekretariat der UN, das Feuer auszutreten: „Es gibt keinen Grund, dieses Ziel aufzugeben“, erklärt Sprecher Nick Nuttall. „Die internationalen Bemühungen müssen uns so weit entfernt wie möglich von dieser Grenze halten.“ Die UN-Experten haben gerade einen internen Bericht vorgelegt, der das Dilemma zusammenfasst. „Das 2-Grad-Ziel ist machbar und hat großen zusätzlichen Nutzen“, heißt es da.

Nötig sei dafür allerdings „ab sofort eine radikale Umgestaltung (tiefgehende Abkehr von der fossilen Wirtschaftsweise) und nicht nur leichte Veränderung aktueller Trends.“ Wer an eine solche schnelle radikale Umgestaltung glaubt, glaubt auch an das 2-Grad-Ziel. Wer nicht, der nicht.

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Drastische Sofortmaßnahmen

Es ist eine akademische Debatte mit sehr konkreten Auswirkungen. Denn die „two degrees“ gelten als Meisterwerk der politischen Kommunikation. Es hat eine schwammige Formulierung aus der Klimarahmenkonvention von 1992 („gefährlichen menschengemachten Klimawandel verhindern“) in ein konkretes Ziel umgewandelt. Doch inzwischen wäre es nur noch mit drastischen Sofortmaßnahmen zu erreichen. Das hat 2014 in aller Deutlichkeit der jüngste Bericht des UN-Klimarats IPCC beschrieben.

Das Gremium, in dem Wissenschaftler und Delegationen aller UN-Staaten die Zusammenfassungen abstimmen, macht klar: Die Emissionen, die bisher jährlich um etwa 2 Prozent zunehmen, müssten schnell um bis zu 6 Prozent pro Jahr sinken, was außer in Kriegszeiten noch nie passiert ist. Der Anteil von Wind-, Atom- und Solarenergie weltweit müsste sich bis 2030 verdoppeln bis verdreifachen, riesige Wälder aufgeforstet werden und umstrittene und unerforschte Techniken wie die Speicherung von Kohlendioxid (CCS) ab 2050 in großem Stil eingeführt werden.

Vor allem an der Speicherung mit dem Kürzel BECCS (Bio-Energie mit CCS) und dessen „negativen Emissionen“ entzündet sich die Kritik. Die Idee: Bäume filtern CO2 aus der Luft, das Holz wird in Energie umgewandelt und das CO2 aus ihrer Verbrennung gespeichert – unterm Strich würde damit der Atmosphäre Kohlenstoff entzogen. Ob diese Technik im großen Maßstab machbar und bezahlbar ist, bleibt völlig unklar. Um wirksam zu werden, würden dafür allerdings „500 Millionen Hektar benötigt, 1,5-mal die Fläche Indiens“, schreibt Geden.

Auch andere Wissenschaftler haben darauf hingewiesen, wie zweifelhaft es sei, auf „negative Emissionen zu wetten“, so Sabine Fuss vom Berliner Mercator Institut für Klimawandel. Werden die Flächen nicht für Lebensmittel oder als Lebensraum für Tiere und Pflanzen gebraucht? Gibt es genug Wasser für den Anbau und genug sichere Lagerstätten? Akzeptiert die Bevölkerung die Kosten und die Technik?

Kritik von allen Seiten

Die Wissenschaftler des IPCC wehren sich gegen den Vorwurf, sie lieferten der Politik ein Alibi fürs Nichtstun. „Wer meint, wir würden uns bei der Politik lieb Kind machen, hat die Diskussionen nicht mitbekommen“, meint Ottmar Edenhofer. „Wir haben uns da im Gegenteil extrem unbeliebt gemacht.“ Edenhofer ist Klima-Ökonom, Vizechef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Kovorsitzender der Arbeitsgruppe 3 des IPCC, die zu diesen Fragen arbeitet.

„Wir haben die Bedingungen formuliert, unter denen das 2-Grad-Ziel zu erreichen ist“, sagt Edenhofer. „Dafür müssten die Emissionen drastisch sinken, wir brauchen mittelfristig einen globalen Preis für CO2, negative Emissionen, großflächige Aufforstung und massiven Ausbau erneuerbarer Energien. Was die Politik davon umsetzt, ist ihre Entscheidung.“

Die Optionen liegen auf dem Tisch und viele der IPCC-Szenarien erreichen unter diesen Umständen das 2-Grad-Ziel. Edenhofer bestreitet, dass die Politik die Wissenschaftler zu positiven Rechnungen gedrängt habe. „Unsere Aufgabe besteht nicht darin, die Untätigkeit der Politik in den Szenarien schon vorwegzunehmen. Damit würden die Szenarien zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen. Bei allen Gesprächen mit den Regierungen habe ich klargemacht: Wir sind auf einem Pfad weit über 2 Grad, sogar auf dem Weg in eine 4-Grad-Welt.“ Er findet es eine „absurde Debatte“, ob das 2-Grad-Ziel aufzugeben sei. „Was kommt danach, eine Diskussion um das 3-Grad-Ziel?“

Auch vom anderen Ende der Welt kommt Kritik am 2-Grad-Ziel. Es sei „unangemessen“ und die UN sollten es überdenken, erklärte letzte Woche das Climate Vulnerable Forum in Manila. In ihm sind 20 Länder wie Kenia, Vietnam, Barbados oder Bangladesch zusammengeschlossen, die besonders verwundbar gegenüber dem Klimawandel sind. Sie lehnen das Ziel allerdings aus einem anderen Grund ab: Es ist ihnen zu hoch. Der Anstieg um 2 Grad sei „eine ernste Bedrohung für fundamentale Menschenrechte“. Schon 2 Grad, heißt es etwa aus Bangladesch, „verurteilen viele Millionen von armen Menschen in den Entwicklungsländern zum Elend.“