Götterdämmerung

Unter dem Titel „Der Erdöl-Schlussverkauf“ wird in der FAZ die Situation der Erdölindustrie analysiert.

FAZ: Kaum einer hat den Schwächeanfall der Ölindustrie im vergangenen Jahr kommen sehen. Doch der Klimawandel könnte das Billigöl zum Normalfall machen. Sind fossile Brennstoffreserven tatsächlich nichts mehr wert?

Bitteschön, jetzt aber.  Das zeigt nur wie vernagelt, gierig und unfähig zur Interpretation ihrer eigenen Daten diese Leute sind. Der Zusammenhang zwischen CO2 und katastrophalem Treibhauseffekt auf der Erde war im Detail schon Jahre vorher bekannt.

Iran
Wie hier im Iran, immer mehr Menschen begreifen: Die Zahl 350 steht für Klimasicherheit. Um einen bewohnbaren Planeten zu erhalten, so sagen uns Wissenschaftler, müssen wir die Menge an CO2 in der Atmosphäre von derzeit 400 ppm (Teilchen pro Million) auf unter 350 ppm verringern. Wir glauben, dass eine globale Graswurzelbewegung unsere Politiker mit den wissenschaftlichen Fakten und Prinzipien der Gerechtigkeit in die Verantwortung nehmen kann. Wenn wir das schaffen, können wir damit beginnen, die Lösungen, die uns allen eine bessere Zukunft garantieren, umzusetzen.

FAZ „Es ist derzeit eine der spannendsten Kontroversen der Klimaschutzpolitik: Die These von den „gestrandeten Vermögenswerten“ (stranded assets) hat binnen kurzer Zeit die Debatte um fossile Brennstoffe auf den Kopf gestellt. Viele Jahre lang drehte sich die Energiedebatte um die Frage, ob der Welt das Öl ausgeht (peak oil). Jetzt dagegen lautet die Warnung, dass womöglich viel mehr Öl da ist, als gebraucht wird.

Seit dem vergangenen Jahr haben sich die Ölpreise rund halbiert, kaum ein Energiefachmann hatte diesen Schwächeanfall kommen sehen. Doch die These von den gestrandeten Vermögenswerten legt nahe, dass der Klimawandel das Billigöl zum neuen Normalfall machen wird. Das Argument lautet: Ölquellen, Gasfelder und Kohleminen seien sehr viel weniger wert als bisher angenommen. Denn ein Großteil der noch vorhandenen Reserven an fossilen Brennstoffen könne nie verbrannt werden, weil dadurch viel mehr Kohlendioxid freigesetzt würde, als das Weltklima verkrafte. Früher oder später würden deshalb Klimaschutzmaßnahmen zwangsläufig die überschüssigen Reserven an Kohle, Öl und Gas wertlos machen.“

Hoffentlich werden dafür auf dem Weltklimagipfel im Dezember in Paris die richtigen Signale gesetzt.

Malaysia
Menschen in Malaysia unterstützen die Ziele von 350.org

FAZ: „Aus dieser Argumentation wird dann die Forderung an Konzerne wie Exxon-Mobil, Shell und BP abgeleitet, kein Geld mehr in die teure Suche nach neuen Ölquellen zu stecken. Wozu auch, denn die Welt habe ja schon heute mehr Öl, als sie gebrauchen könne. Die Unternehmen sollten die eingesparten Milliarden besser an ihre Aktionäre ausschütten und diese das Geld in erneuerbare Energien reinvestieren.“

Ausschüttungen finde ich verantwortungslos. Die sollen erst mal für die angerichteten Schäden haftbar gemacht werden. Natürlich muss auch den Mitarbeitern eine Alternative geboten werden, also in erneuerbare investieren.

FAZ „Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass zwei Drittel der fossilen Brennstoffreserven in der Erde bleiben müssen, wenn der globale Temperaturanstieg auf die von Klimaforschern angemahnten 2 Grad Celsius begrenzt werden soll. Fachleute der amerikanischen Großbank Citigroup erwarten, dass deshalb bis zur Mitte des Jahrhunderts Kohle, Öl und Gas im Wert von rund 90 Billionen Euro „stranden“. Die britische Notenbank warnt schon, eine abrupte Abwertung von fossilen Brennstoffen könnte die Stabilität des globalen Finanzsystems bedrohen. Schließlich zählen die Ölriesen bisher zu den wertvollsten Unternehmen der Welt.“

Und dann können wir Steuerzahler diese Steuerflüchtlinge wieder retten.  Besonders heftig werden die Verwerfungen um die Ölstaaten. Saudi Arabien ohne Öl-Reichtümer? Ja, bitte schnell, das hilft sehr im Kampf gegen den IS Terror.

FAZ “ Viele Investoren haben sich der „Divest“ Bewegung angeschlossen

Im Ringen um den Klimaschutz entwickelt derzeit kaum ein Argument eine solche Durchschlagskraft wie dieses. Am Kapitalmarkt beginnen langfristig orientierte Investoren Geld aus fossilen Brennstoffen abzuziehen – aus Sorge um ihre Reputation, aber auch, weil sie das Entwertungsrisiko ernst nehmen. Bisher trifft dieser Anleger-Boykott vor allem die besonders klimaschädliche Kohle. Norwegens Staatsfonds, der größte der Welt, will nicht mehr in Kohleaktien investieren. Große Versicherungen und Banken wie Axa und Bank of America kündigten ähnliche Schritte an.

Schätzungen zufolge haben sich mittlerweile Investoren mit einem verwalteten Vermögen von 2,3 Billionen Euro dieser „Divest“-Bewegung angeschlossen. Damit hat sich das Volumen binnen eines Jahres mehr als verfünfzigfacht. Sollten die Staats- und Regierungschefs auf dem Klimagipfel der Vereinten Nationen im Dezember in Paris energischere Maßnahmen gegen den Klimawandel beschließen, könnte sich dieser Trend verstärken.“

Jennifer_Esperanza
Bill Mc Kibben, Foto Jennifer Esperanza

…. hat die globale Klimabewegung auch hart für gekämpft, speziellen Dank an 350.org Bill McKibben.

FAZ „Die These der gestrandeten Vermögenswerte ist allerdings umstritten. Einerseits könnte der technische Fortschritt in Zukunft doch eine klimaschonende Nutzung fossiler Brennstoffe möglich machen. Andererseits wischen Ölmanager die Bedenken bisher als unrealistische Gedankenspiele zur Seite mit der Begründung, der globale Energiehunger sei schlicht zu groß, als dass fossile Brennstoffe wertlos werden könnten. Sie verweisen auf Prognosen der IEA, nach denen die Welt auch im Jahr 2040 noch drei Viertel ihres Energiebedarfs mit fossilen Brennstoffen decken werde.“

… noch ein allerletzter Versuch der Realitätsverweigerung.  Leute, dieses Risiko wollen wir für unseren Planeten nicht eingehen, denn wir haben keinen Plan B.

FAZ “ Doch auch wenn der Verbrauch so schnell nicht verebben sollte, ist eine frühzeitige Reserven-Entwertung vorstellbar, denn schon die Angst vor einem künftigen Wertverlust könnte dazu führen, dass fossile Brennstoffe in einer Art Schlussverkauf zu Niedrigpreisen verramscht werden. Mehr als 70 Prozent der Ölreserven werden vom Ölstaatenkartell Opec kontrolliert. Beim heutigen Förderniveau würde es bis ins Jahr 2105 dauern, bis das Kartell seine Reserven vollständig ausgeschöpft hätte. Es wäre deshalb nur vernünftig, dass sich die Opec schon heute Gedanken darüber macht, ob es im nächsten Jahrhundert noch einen Ölmarkt gibt.

Der Schlussverkauf fängt also womöglich an, lange bevor das Erdölzeitalter zu Ende geht. Denn folgen die Ölstaaten der These der gestrandeten Vermögenswerte, müssen sie alles daransetzen, ihre Fördermengen zu steigern, um ihren Ölschatz zügig in Einnahmen umzumünzen. Zwar würde das höhere Angebot wohl rasch den Preis deutlich drücken, aber es wäre immer noch besser, jetzt Abschläge in Kauf zu nehmen, als später womöglich ganz auf dem Öl sitzenzubleiben, weil es keinen Markt mehr dafür gibt. Die Klimadebatte wird die Spielregeln in der Ölindustrie radikal verändern und das Geschäftsmodell der Konzerne in Frage stellen. Nicht von heute auf morgen, aber auch nicht erst am Sanktnimmerleinstag, wie die Ölmanager glauben machen wollen.“

FAZ 15.10.2015, Markus Theurer, aus dem Herzen des europäischen Turbokapitalismus, London

Wir müssen verhindern, dass diese skrupellosen Menschen noch schnell alle Kohle-, Öl- und Gasreserven raushauen, weil sie sich in ihren teuren Villen, hinter hohen Mauern sicher fühlen.

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„Ende Gelände“ fordert die deutsche Klimabewegung von der RWE

 

Die Zukunft schmilzt

Ich habe gerade des Buch von Nick Reimer „Schlusskonferenz – Geschichte und Zukunft der Klimadiplomatie“  gelesen.  Franz Alt schreibt dazu auf seiner SONNENSEITE:

Summa Summarum: Dieses „Schluss-Konferenz“ -Buch „packt“ einen! Jeder, der sich wirklich für den Klimaschutz engagiert, sollte es unbedingt lesen! Es ist eines der, nein DAS spannendste Sachbuch, das der Rezensent je gelesen hat!

Ein Beitrag von Nick Reimer, erschienen im FREITAG, Ausgabe 30/15.

Erderwärmung Die Daten sind eindeutig. Bald könnte der Punkt erreicht sein, an dem der Klimawandel unumkehrbar wird. Doch die internationale Politik findet bisher keine Antwort

Der 9. Mai 2013 war ein gewöhnlicher Donnerstag. Der ADAC und die Post gaben den Start ihrer ersten Fernbuslinie von München nach Köln bekannt, der Aufsichtsrat des zukünftigen Hauptstadtflughafens BER verlangte „endlich ein realisierbares Eröffnungskonzept“. Kanada besiegte Schweden im Eishockey.

Ein ziemlich normaler Tag also. Und doch wird dieser Donnerstag in die Geschichte eingehen. Zum ersten Mal nämlich haben die Wissenschaftler der Forschungseinrichtung Mauna Loa auf Hawaii in der Luft eine Treibhausgaskonzentration von 400 pro Million Teile gemessen. „Was wir heute sehen, ist zu 100 Prozent von Menschen verursacht“, erklärte Pieter Tans von der US-Behörde für die Ozeane und die Atmosphäre, NOAA. So hoch wie an diesem 9. Mai sei die Treibhausgasbelastung der Atmosphäre zuletzt vor zwei Millionen Jahren gewesen.

Menschheit_Ausrottung

Die Bedingungen für atmosphärische Untersuchungen sind ideal auf dem 4.170 Meter hohen Vulkan Mauna Loa, die Höhenluft unterliegt kaum lokalen oder von Menschen verursachten Einflüssen – die nächsten Industrieschlote sind tausende Kilometer weit weg. Seit Beginn der Messreihe 1958 hat sich an der Ausrüstung und den Messmethoden nichts wesentlich verändert, die Wissenschaftler um Pieter Tans nehmen vier Proben pro Stunde. 1958 waren darin 315 Teile Kohlendioxid pro Million Teile Luft enthalten, 1970 waren es 324 „parts per million“, abgekürzt ppm.

NOAA_CO2_OCTOBER2015
NOAA CO2 Oktober 2015

Als die Staatschefs der Welt 1992 auf dem Gipfel von Rio de Janeiro die Klimarahmenkonvention beschlossen, registrierten die Wissenschaftler bereits 354 ppm. Man wolle „gefährliche Störungen“ des Klimasystems der Erde vermeiden, heißt es in der Konvention. Seit 20 Jahren treffen sich jährlich die 195 Staaten, die unterschrieben haben, zur Vertragsstaatenkonferenz COP. Doch statt der klimatischen Entwicklung Einhalt zu gebieten, steigt Jahr für Jahr die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre weiter an. In diesem Frühjahr registrierten erstmals alle Messstationen dieser Welt Werte oberhalb von 400 ppm.

Kipp-Elemente

Die Wissenschaft hat ziemlich genau berechnet, ab welchem Punkt „gefährliche Störungen“ eintreten werden. Jenseits von einer Konzentration von 450 ppm wird die globale Oberflächentemperatur um zwei Grad im Durchschnitt steigen – ein Punkt, ab dem sich die Erderwärmung aller Voraussicht nach verselbstständigen wird. Die Forschung hat sogenannte Kipp-Elemente ausgemacht, die Permafrostböden zum Beispiel. Unter der dauergefrorenen Erde Sibiriens und Nordamerikas sind Abermilliarden Kubikmeter Methan eingesperrt. Wenn es austritt, heizt es den Klimawandel zusätzlich an. Der Effekt ist bei Methan 21 Mal so stark wie bei Kohlendioxid.

Tipping Point

An den Polen verläuft die Erderwärmung deutlich stärker als am Äquator, eine um zwei Grad gestiegene Globaltemperatur bedeutet dort fünf bis sechs Grad mehr. Deshalb ist dort ein zweiter Kipp-Punkt zu befürchten. Durch die Erwärmung schmelzen die „schwimmenden Spiegel“, das Eis auf dem Nordpol. Die unbedeckte Wasseroberfläche reflektiert aber die Sonnenenergie nicht mehr, das dunkle Meerwasser schluckt die Energie, speichert sie und beschleunigt so die Erderwärmung weiter. Mehr als zehn solcher Kipp-Elemente hat die Wissenschaft lokalisiert.

Die Klimadiplomaten haben auf ihrer Vertragsstaatenkonferenz im Jahr 2010 deshalb das Zwei-Grad-Ziel beschlossen. Dazu müssen die Emissionen spätestens 2020 jährlich sinken. 2050 sollen die Emissionen dann 80 Prozent unter dem Niveau von 1990 liegen und in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts muss die Wirtschaft praktisch ohne fossile Rohstoffe auskommen.

Deshalb – das ist Beschlusslage der Weltklimadiplomatie – sollen ab 2020 alle Staaten Klimaschutz betreiben. Das wird nur mit einem neuen Weltklimavertrag gehen: Im bestehenden Regime, dem Kyoto-Protokoll von 1997, müssen nämlich nur die Industriestaaten ihre Emissionen reduzieren. Sie sind für 80 Prozent aller Treibhausgase verantwortlich, weshalb sie sich im Kyoto-Protokoll verpflichteten, ihre Emissionen bis 2012 um 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Allerdings haben die USA als ehemals größter Kohlendioxid-Produzent das Protokoll nie in nationales Recht umgesetzt. China ist heute zum größten CO2-Verursacher aufgestiegen, Schwellenländer wie Brasilien, Indien, Saudi-Arabien oder Südkorea in die Top Ten der größten Klimasünder aufgerückt. Auch auf diese Veränderungen muss die Klimapolitik reagieren.

Seit Jahren wird nun um einen neuen Vertrag verhandelt, im Dezember findet der nächste große Klimagipfel in Paris statt. Er soll endlich eine Einigung bringen. Zugleich ist Paris aber auch die letzte Chance der Klimadiplomatie. Sollten die Staatsvertreter tatsächlich einen neuen Weltklima-Vertrag beschließen, blieben lediglich vier Jahre Zeit, um diesen zu ratifizieren, ihn also in nationales Recht umzusetzen. Beispielsweise muss der Deutsche Bundestag ein „Gesetz zur Ratifizierung des Paris-Protokolls“ beschließen. Der Bundesrat muss am Verfahren beteiligt werden. Die Erfahrung zeigt, dass dieser Prozess zeitraubend ist: Beim Kyoto-Protokoll dauerte es acht Jahre, bis genug Staaten an Bord waren und der Vertrag gültig wurde.

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Wie schwierig internationaler Klimaschutz ist, verdeutlichen die nackten Zahlen: In der Erdkruste sind insgesamt noch 12.000 Gigatonnen fossiler Kohlenstoff vorhanden – genug, um die globale Oberflächentemperatur auf über 50 Grad anzuheizen. Immer tiefer dringen die Ölkonzerne in die schmelzende Arktis vor, um den Schmierstoff des Kapitalismus zu fördern, immer tiefer werden Bohrungen in den Meeresboden gerammt, immer euphorischer werden neue Technologien wie das Fracking propagiert. Soll der globale Temperaturanstieg aber auf zwei Grad begrenzt werden, müssen 11.770 Gigatonnen dieses Kohlenstoffvorrats in der Erde bleiben. Verbrannt, also zu Treibhausgasen umgewandelt werden dürfen lediglich noch 230 Gigatonnen.

Die fossilen Konzerne sind die wirtschaftlich potentesten der Welt. In Russland, Saudi-Arabien, Angola oder Venezuela sind sie Staatskonzerne. Regierungsamtlich auf die Förderung von Öl und Gas zu verzichten, käme da faktisch einer selbstorganisierten Staatskrise gleich. Nicht von ungefähr kommen die größten Bremser des Prozesses aus diesen Staaten. Gesellschaften, die wie die USA, Katar, Australien oder Kanada ihren Reichtum auf das Fördern von fossilen Brennstoffen gründen, haben ebenfalls kein Interesse an einem Rückgang. Und warum sollte Wladimir Putin den Kohlenstoff in der Erdkruste belassen, wenn dies nicht einmal die deutschen Sozialdemokraten bei der Brandenburger Braunkohle in Betracht ziehen?

Es geht in der Klimadiplomatie aber längst nicht mehr nur um Treibhausgase: Beschlusslage ist ebenfalls, dass die Industriestaaten ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar in den globalen Süden transferieren. Denn dort sind die Folgen der Erderwärmung bereits heute zu spüren. Stürme, Dürren und Überschwemmungen nehmen zu. Den Ländern fehlt aber oft das Geld, sich daran anzupassen. Für die Jahre bis 2020 stellten die Industriestaaten jeweils 2,5 Milliarden zur Verfügung, woher die fehlenden 97,5 Milliarden2015-05-29_SilentClimateParadeMainz_3 kommen sollen, ist derzeit völlig unklar. „Wir verhandeln über ein Umweltabkommen. Finanztitel werden nicht in Umweltabkommen festgeschrieben, sondern in den dafür vorgesehenen Foren und Mechanismen“, sagte der Schweizer Verhandlungsführer Franz Perrez. Finanzfragen würden von den Finanzministern und den Parlamenten entschieden – und zwar innerhalb der jährlichen Haushaltsberatungen. Nur was sind die Absichtserklärungen dann überhaupt wert?

 

Ökodiktatur vs. Ökokratie

Auf dem Spiel steht aber noch mehr als nur die Stabilisierung des Weltklimas. Die Klimakonferenz COP 21 wird in Paris auch darüber entscheiden, ob die Vereinten Nationen in der Lage sind, Menschheitsprobleme des 21. Jahrhunderts zu lösen. Keine andere multilaterale Organisation hat sich demokratische Prinzipien in dem Maße zu eigen gemacht wie die UNO. Jeder Staat hat eine Stimme, beschlossen werden kann gemäß UN-Statuten nur, was alle Staaten mittragen.

Sogar die Diktatoren dieser Welt haben sich bei der Klimadiplomatie auf diese Prinzipien eingelassen. Zudem hat jede Interessengruppe Zugang zu den Verhandlungen, Greenpeace genau so wie Indigenen-Vertreter, die Weltbank, Wirtschaftslobbyisten oder Frauenrechtlerinnen. Kein anderer Prozess in der Menschheitsgeschichte ist über zwei Jahrzehnte je transparenter verlaufen als die Klimadiplomatie unter dem Dach der UNO.

Ein neuerliches Scheitern der Klimadiplomaten würde zeigen, dass die Rivalität der Staaten um den Lagerplatz in der Atmosphäre nicht gemeinschaftlich zu lösen ist. Hans Joachim Schellnhuber, Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, hatte bereits vor dem Klimagipfel in Kopenhagen gewarnt, wenn die Treibhausgasemissionen nicht schnell verringert würden, sei Klimaschutz nur noch „im Rahmen einer Kriegswirtschaft zu leisten“. Die Klimadiplomaten verhandeln darüber, ob die Kriegserklärung noch vermeidbar ist.

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Seit zehn Jahren diskutieren die Klimadiplomaten über das neue Abkommen, im Fall eines Scheiterns wird das System der Klimagipfel jede Legitimität verlieren. Die UNO wäre als Anlaufort für Menschheitsfragen schwer angeschlagen. In Paris haben die Klimadiplomaten zum letzten Mal die Chance, zu beweisen, dass demokratische Prozesse und Strukturen am besten für die Entfaltung der menschlichen Spezies sind.

Scheitern die Diplomaten, kommt das, was am Ende einer jeden Epoche auf die Spezies zukam: Verteilungskämpfe, Überlebenskämpfe, kriegerische Auseinandersetzungen oder womöglich auch ein neuer Weltkrieg. Der Schriftsteller Dirk Fleck, von der taz einst als „Erfinder des Ökothrillers“ geadelt, entwarf in seinem Roman GO! Die Ökodiktatur von 1993 eine Welt im Jahr 2040, nach dem klimatischen Kollaps. Zur Linderung herrschen „Ökoräte“, die den Menschen den Speiseplan vegetarisch verordnen, Geld und Reisen abschaffen, Arbeitsdienste für das Überleben vorschreiben und Neubauten verbieten. Es ist eine Dystopie, die Hardcore-Variante einer möglichen Zukunft nach dem Kollaps.

Die andere Variante lieferte der Journalist und Autor Bernhard Pötter mit seinem Fragebuch: Ausweg Ökodiktatur? Pötter versucht der Diktatoren-Prophezeihung etwas entgegenzusetzen, er nennt es Ökokratie: „Die Ökokratie ist keine Ökodiktatur, die die individuellen Rechte grundsätzlich abschafft und alle Lebensbereiche autoritär gestaltet. Die Ökokratie fordert Beschränkungen, um die Freiheit zu erhalten. Denn die Freiheit in unserer Zeit ist nicht nur die Freiheit der Andersdenkenden. Heute ist sie auch die Freiheit der anderswo Lebenden und der Nachgeborenen.“

Nick Reimer ist Chefredakteur von klimaretter.info und Autor von Schlusskonferenz. Geschichte und Zukunft der Klimadiplomatie (Oekom)

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Was wenn das alles nur ein Scherz ist und wir bauen eine besser Welt für nix?

Schicksalsjahr für den Klimaschutz: Jetzt oder nie!

Beim UN-Klimagipfel Ende 2015 in Paris geht es darum, ein international verbindliches Klimaschutzabkommen zu beschließen. Begrenzen wir die Erderwärmung nicht auf 2 Grad, werden die Folgen der Klimakrise unbeherrschbar. Deshalb setzen wir auf Erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Der Klimakiller Kohle gehört abgeschaltet. Geh mit uns im Klimaherbst auf die Straße, um ein starkes Signal für den Klimaschutz zu setzen!

2015 ist ein entscheidendes Jahr für den Klimaschutz. Auf der Klimakonferenz in Paris ringen die Staaten der Welt um ein neues Klimaabkommen und eine gemeinsame Antwort auf die globale Klimakrise. Hierfür sind Pioniere unerlässlich, die zeigen: Klimaschutz und eine sichere Energieversorgung sind vereinbar. Doch in Deutschland steht die Bundesregierung vor dem Offenbarungseid, ihre selbstgesteckten Klimaschutzziele deutlich zu verfehlen.

Für uns  ist klar: Wir müssen jetzt handeln, um unseren Planeten für uns und unsere Kinder lebenswert zu erhalten. Erste Folgen der Klimakrise sind heute schon spürbar durch verdorrte Ernten, gefährliche Fluten und entfesselte Wirbelstürme. Nichthandeln ist sehr viel teurer als Handeln. Zudem stellt die Klimakrise eine Gefahr für Frieden und Stabilität dar. Deshalb müssen wir es schaffen, den globalen Temperaturanstieg auf höchstens 2 Grad zu begrenzen. Dafür muss ein Großteil der weltweiten Vorräte an Kohle, Öl und Gas im Boden bleiben.

Wir wollen, dass Deutschland wieder Vorreiter wird beim Klimaschutz. Wir wollen alte, dreckige Kohlemeiler schrittweise vom Netz nehmen und sie durch den schnelleren Ausbau der Erneuerbaren Energien und deutlich mehr Energieeffizienz ersetzen.

Unsere Forderungen für das Abkommen in Paris:

  • Das Ziel, die Erderwärmung auf höchstens 2 Grad Celsius zu begrenzen, muss völkerrechtlich bindend verankert werden.
  • Es braucht ein Bekenntnis zu „Raus aus den fossilen und rein in die erneuerbaren Energien“.
  • Die internationale Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen muss für mehr Klimagerechtigkeit zwischen Nord und Süd ausgebaut und gestärkt werden.

Dafür gehen wir im Klimaherbst 2015 auf die Straße und wollen mit unserer Präsenz ein starkes Signal im Vorfeld der Klimakonferenz in Paris setzen!

Kommt mit uns zu folgenden Großveranstaltungen:

  • 26. September: Bundesweiter Aktionstag der Klima-Allianz
  • Ende November: Europaweite Aktionen anlässlich der Klimakonferenz in Paris
  • 12. Dezember: Großdemo für verbindliche Klimaschutzziele in Paris

Nähere Informationen zu den Demos und Aktionstagen verlinken wir jeweils sobald sie uns vorliegen. Außerdem wird es Materialien und Aktionsvorschläge geben.

Kohleausstieg jetzt!

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Koh­len­stoff­bud­ge­t

ZUKUNFT Zum Erreichen des 2-Grad-Ziels müssen riesige Energievorkommen in der Erde bleiben. EU, Golfstaaten und Russland Verlierer

VON BERN­HARD PÖT­TER

BER­LIN taz | Bei ei­nem ernst­haf­ten glo­ba­len Kli­ma­schutz wür­den vie­le Län­der und Kon­zer­ne ei­ne Men­ge Geld ver­lie­ren: Wenn die Er­wär­mung der At­mo­sphä­re bis 2100 bei 2 Grad Cel­si­us ge­stoppt wer­den soll, müs­sen ins­ge­samt 88 Pro­zent der welt­wei­ten Re­ser­ven an Koh­le, 52 Pro­zent der Gas­vor­kom­men und 35 Pro­zent der Öl­vor­rä­te im Bo­den blei­ben. Das ist das Er­geb­nis ei­ner Stu­die des bri­ti­schen Uni­ver­si­ty Col­le­ge in Lon­don, die jetzt in der Fach­zeit­schrift Na­tu­re ver­öf­fent­licht wur­de. Die Un­ter­su­chung zeigt auch, wel­che Re­gio­nen am meis­ten be­trof­fen wä­ren: Eu­ro­pa, die USA, Ja­pan und Aus­tra­li­en wür­den auf ih­rer Koh­le sit­zen blei­ben, die Mitt­le­re Os­ten auf sei­nem Gas und Ka­na­da auf sei­nen Teers­än­den. Auch die um­strit­te­ne Öl­su­che in der Ark­tis wä­re ein Ver­lust­ge­schäft.
Neu an der Un­ter­su­chung ist ein ge­nau­er Blick, wel­che Roh­stof­fe „un­brenn­bar“ sind, weil sie das „Koh­len­stoff­bud­ge­t“ der Er­de über­schrei­ten. Be­reits vor ei­ni­gen Jah­ren hat die In­ter­na­tio­na­le En­er­gie­agen­tur (IEA) in Pa­ris er­rech­net, dass et­wa zwei Drit­tel al­ler fos­si­len Brenn­stof­fe nicht ver­heizt wer­den dür­fen, wenn das von al­len Staa­ten ak­zep­tier­te 2-Grad-Ziel er­reicht wer­den soll. In dem ak­tu­el­len Pa­pier er­rech­nen die For­scher, wo Öl, Koh­le und Gas in den nächs­ten Jahr­zehn­ten noch so bil­lig zu för­dern sind, dass die­se Brenn­stof­fe auch un­ter ei­nem stren­gen Kli­mare­gime bis 2050 auf den Markt kä­men. Die kom­ple­xen Mo­del­le zei­gen gra­vie­ren­de Pro­ble­me für die En­er­gie­po­li­tik vie­ler Re­gio­nen: So müss­ten die Öl­staa­ten am Per­si­schen Golf auf die Aus­beu­tung von 38 Pro­zent ih­rer Re­ser­ven ver­zich­ten. In Ka­na­da rech­nen sich die um­strit­te­nen Teer­sand-Pro­jek­te nicht, 75 Pro­zent der Re­ser­ven blie­ben da­mit un­be­rührt. Die USA wie­der­um könn­ten über 90 Pro­zent des hei­mi­schen Öls för­dern, weil die Kos­ten für Pro­duk­ti­on und Ver­trieb ge­ring sind. Und al­lein aus öko­no­mi­schen Grün­den soll­ten „al­le ark­ti­schen Res­sour­cen als un­ver­brenn­bar ein­ge­stuft wer­den“.
Beim Gas könn­ten nach die­sen Mo­del­len die Golf­staa­ten, die Staa­ten der ehe­ma­li­gen So­wjet­uni­on und La­tein­ame­ri­ka rund 60 Pro­zent ih­rer Re­ser­ven nicht an­tas­ten. Vor al­lem aber wür­de ech­ter Kli­ma­schutz ei­nen Ab­schied von der Koh­le be­deu­ten: Die USA und Russ­land könn­ten nur noch 10 Pro­zent ih­rer Re­ser­ven aus­beu­ten, Chi­na und In­di­en nur noch 35 Pro­zent. Selbst die Ein­füh­rung der um­strit­te­nen und nicht er­prob­ten Ab­tren­nung und Spei­che­rung des CO 2 aus der Koh­le (CCS) hät­te dar­auf nur „ei­nen re­la­tiv be­schei­de­nen Ein­flus­s“. Ins­ge­samt sei der „In­stinkt der Po­li­ti­ker, schnell und voll­stän­dig die fos­si­len Brenn­stof­fe ih­rer Län­der aus­zu­beu­ten“, nicht mit dem Kli­ma­schutz zu ver­ein­ba­ren, schrei­ben die Au­to­ren. Auch Geld für neue Gas- und Öl­fel­der sei ver­schwen­det, denn „Ent­de­ckun­gen kön­nen nicht zu mehr Pro­duk­ti­on füh­ren“.
Der Zwei­fel am Sinn von In­ves­ti­tio­nen brei­tet sich in­zwi­schen auch in der Wirt­schaft im­mer wei­ter aus. Erst im De­zem­ber warn­te die In­ves­ti­ti­ons­bank Gold­man Sachs, welt­weit stün­den Öl­pro­jek­te für mehr als ei­ne Bil­li­on Dol­lar auf der Kip­pe, weil der Öl­preis un­ter 60 Dol­lar pro Fass ge­fal­len war. In­zwi­schen liegt er bei un­ter 50 Dol­lar.

Beim Gas könn­ten nach die­sen Mo­del­len die Golf­staa­ten, die Staa­ten der ehe­ma­li­gen So­wjet­uni­on und La­tein­ame­ri­ka rund 60 Pro­zent ih­rer Re­ser­ven nicht an­tas­ten. Vor al­lem aber wür­de ech­ter Kli­ma­schutz ei­nen Ab­schied von der Koh­le be­deu­ten: Die USA und Russ­land könn­ten nur noch 10 Pro­zent ih­rer Re­ser­ven aus­beu­ten, Chi­na und In­di­en nur noch 35 Pro­zent. Selbst die Ein­füh­rung der um­strit­te­nen und nicht er­prob­ten Ab­tren­nung und Spei­che­rung des CO 2 aus der Koh­le (CCS) hät­te dar­auf nur „ei­nen re­la­tiv be­schei­de­nen Ein­flus­s“. Ins­ge­samt sei der „In­stinkt der Po­li­ti­ker, schnell und voll­stän­dig die fos­si­len Brenn­stof­fe ih­rer Län­der aus­zu­beu­ten“, nicht mit dem Kli­ma­schutz zu ver­ein­ba­ren, schrei­ben die Au­to­ren. Auch Geld für neue Gas- und Öl­fel­der sei ver­schwen­det, denn „Ent­de­ckun­gen kön­nen nicht zu mehr Pro­duk­ti­on füh­ren“.