Europa 2017

Wir haben gelernt, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe nur arme Menschen betrifft. Dass es nur die Dritte Welt betrifft. Wenn du reich bist, oder wenn du in Orten wie den USA und Europa lebst, bist du sicher – oder zumindest sicherer.
Jetzt merken immer mehr Menschen auch in Europa: Das ist falsch.
Robert Scribbler warnt auf seinem Blog immer wieder davor, dass der Klimawandel JEDEN

Spain_Heat2Einzelnen betrifft. Dass niemand wirklich sicher vor seinen direkten oder systemischen Auswirkungen ist.

Frei übersetzt aus dem scribbler blog:

Der Grund dafür ist, dass die sich verschärfenden Auswirkungen des Klimawandels auf den Meeresspiegelanstieg, das extreme Wetter, die Versauerung der Ozeane letztlich so weitreichend sind, dass man keinen Ort auf der Erde realistischerweise als unbedenklich bezeichnen kann. Und selbst wenn Sie das Sperrfeuer dieser unterschiedlichen Auswirkungen persönlich vermeiden, kann  der Schaden von den steigenden Niveaus der Erwärmung schließlich so gravierend werden, dass ernste Gefahren des Einsturzes verschiedener zivilisatiorischer Erungenschaften bestehen:  Wasser-, Energie-, Transport- und Nahrungsmittelversorgung.

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Hitze in Spanien
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Waldbrände in Portugal

Obgleich die Effekte an der gegenwärtigen Erwärmung von 1.2 C mild sind im Vergleich zu 2 C, 3 C, 5 C oder mehr, schlagen sie schon gewaltig zu. Sie treffen wahllos in weiten Teilen Kanadas, Kaliforniens, New Yorks, New Orleans, Brasiliens, Bangladeschs, Russlands, Puerto Rico, Indiens und Chinas sowie in mehr weit entfernten  Orten, als wir hier aufzählen können. Der systemische Zusammenbruch von Puerto Rico infolge eines durch die globale Erwärmung verstärkten Hurrikans kann als ein relativer Mikrokosmos zu dem gesehen werden, was eine breitere globale Zivilisation erwartet, wenn wir die CO2-Emissionen nicht reduzieren.

Schwere Dürre in Spanien und Portugal

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Trotz des weit verbreiteten Missverständnisses sind die wohlhabenderen Länder der Welt nicht immun gegen die Auswirkungen des Klimawandels. Wir sehen, dass sich dies nun an zahlreichen Orten auch in Südosteuropa abzeichnet. Nämlich die Iberische Halbinsel, wo die Dürre in Portugal und Spanien gravierende Auswirkungen hat. Bildquelle: Global Drought Monitor.
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… nicht immer ist kühles Wasser da, wie hier in einem spanischen Touristenmagnet.

SpainDrought2In dieser Woche steht nur noch eine weitere Geschichte über katastrophale Auswirkungen des Klimawandels auf der iberischen Halbinsel in Europa im Mittelpunkt. 2017 ist das derzeit dritttrockneste Jahr in Spanien. Nach einem ungewöhnlich trockenen 4-Jahres-Zeitraum beginnt sich die Situation zu verschärfen. Der Douru River, der im Grunde genommen der Mississippi des spanischen Weinbaugebiets ist, ist zu 60 Prozent trocken. Riesige Stauseen wie die Cuerda del Pozo sind leer. Die Wasserkraft wurde um 58 Prozent reduziert. Und Waldbrände und Ernteausfälle haben sich ausgebreitet, mit der schlimmsten Weinlese seit Jahrzehnten, die zu einer weltweiten Verknappung des Weins geführt hat.

In Portugal hat der trockenste Oktober seit 20 Jahren eine Regierungskampagne zum Wassersparen angestoßen. An manchen Orten des Landes muss Wasser per LKW angeliefert werden, da lokale Quellen versagen. Der Premierminister des Landes erklärt, dass ein Wasserwunder nötig sei, um die Dürre zu lindern.

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Waldbrand in Portugal 2017

Diese Auswirkungen folgen auf einen tödlichen Ausbruch von Waldbränden im Oktober, bei dem 44 Menschen ums Leben kamen und 71 verletzt wurden. Einer der schlimmsten in der Region, der den Kontext von Bränden wie dem Fort McMurray Fire in Alberta und den jüngsten Waldbränden in Nordkalifornien, die mehr als 10.000 Gebäude zerstörten, ergänzt.

Regen in der Vorhersage, aber die globale Erwärmung wird der Region verschlimmernde Dürren bringen

Die vom Menschen verursachte globale Erwärmung erhöht die Wahrscheinlichkeit einer extremen Dürre, indem sie sowohl die Niederschlags- als auch die Verdunstungsrate erhöht. Weil dieser Effekt ungleichmäßig ist, während sich die Welt erwärmt, gibt es immer mehr Extreme.

Für Spanien und Portugal bewegen sich die Klimazonen nach Norden. Dies bedeutet, dass wüstenähnliche Temperaturen und Bedingungen in den gesamten Mittelmeerraum aus der Sahara häufiger eindringen. Eine Realität, der sich die meisten Südeuropäer mit der Zeit stellen müssen, wenn sich die Erde weiter erwärmt.

Demo in Bonn: Rote Linie gegen Kohle

Nach der großen Friedensdemonstration 1983 war war ich am 4. November 2017 wieder in Bonn. Mit 25.000 Menschen demonstrierte ich für den Kohleausstieg. Anlässlich der Klimakonferenz in Bonn, die offiziell vom Pazifikstaat Fidschi ausgerichtet wird, waren auch viele Aktivisten aus vom Klimawandel bedrohten Inselstaaten angereist.

Sapperlot, da habe ich tatsächlich meine Hunsrücker von Höhenwind übersehen, aber es war auch echt voll. Diese Foto ist von Thomas Bernhard.

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Thomas Bernhard schreibt dazu: „Liebe MitstreiterInnen, im Anhang einige Fotos. Beeindruckt haben mich als Redner vor allem Hubert Weiger in seiner Klarheit, die Verfehlung der Klimaziele anzuprangern, die junge Frau aus Mozambique (friends of the earth) die klar machte, dass alle Kohle die bei ihnen gefördert wird direkt nach Europa geht und sie selbst keine Energie haben. Anschließend kommt der Klimawandel zurück. Die junge Aktivistin von „Ende Gelände“, die sagte dass es Zeit wird seine eigenen Körper gegen die Bagger zu stellen. Der Amerikaner, der deutlich machte, dass in seinem Land die Kohle gegen die Erneuerbaren schon keine wirtschaftliche Chance mehr hat und Kohlekraftwerke abgeschaltet werden – egal was Trump redet. Und Christoph Bautz von „Campact“, der die hohlen Phrasen von erfolgreicher Klimapolitik unserer Regierung anprangerte. Tatsächlich fallen ALLE Entscheidungen gegen das Gemeinwohl, bei der Dieselaffäre, bei der Förderung der Erneuerbaren, bei der Kohle. Immer für die Industrie. Und das müssen wir ändern. Schön, dass wir da waren und Flagge gezeigt haben – oder Schilder Grüße, Thomas Bernhard

Bonn20171104_151432Berichterstattung in der Tagesschau:

Zu der Demo hat ein Bündnis aus Umweltorganisationen wie Greenpeace, BUND, Nabu und Campact aufgerufen. Laut Veranstalter kamen 25.000 Menschen – weit mehr als erwartet.

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Die Weltklimakonferenz findet 2017 nur wenige Kilometer entfernt von Europas größter CO₂-Quelle statt, dem Braunkohlerevier im Rheinland. Dies nahmen wir zum Anlass, unsere Forderungen – insbesondere an die neue Bundesregierung – mit einer großen, bunten, internationalen Demonstration auf die Straße zu tragen: Für einen schnellen und sozialverträglichen Kohleausstieg und eine entschlossene und gerechte Klimapolitik hier und weltweit.

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Es ist zum heulen. Das Land der Dichter, Denker und Hochtechnologie ist Weltmeister in dreckiger Braunkohle.

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Werner Vogt von Höhenwind: „Wichtig ist jetzt, nicht nachzulassen und durch eigenes Engagement in vielen Bereichen und Diskussionen einen möglichst hohen Beitrag dazu zu leisten, dass die Leute anfangen nachzudenken und man überall erkennt, wie wichtig das Thema „Kohleausstieg“ ist.“

 

Rekordjahr 2016: die wichtigsten Daten und Grafiken, die jeder kennen sollte

Neulich auf einer Party. Alle schimpfen über Donald Trump. Wie dumm der doch ist, wie verhaltensgestört.
 Dann kommen wir auf das Thema Klimawandel, ob das ein dringliches Thema ist. "Ich glaube das Klima hat sich schom immer geändert, damit haben wir nichts zu tun. Aber ich weiß, du bist da etwas esoterisch, ich halte es mehr mit der Wissenschaft.

Ich war geschockt. Trump "akternative Fakten" in Reinkultur. Die anschließende Diskussion offenbarte eine Unwissenheit über das Thema "Klimawandel" die einfach nur erschreckend genannt werden kann.
 Gut gebildet, sehr wohlhabend, "white old man".

Hier mal so einige Ereignisse die der Wissenschaftler Stefan Rahmstorf in seinen Blog gestellt hat.

Das Jahr 2016 war global das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen im 19. Jahrhundert. Darin stimmen sämtliche Datensätze der Oberflächentemperaturen überein. Das gilt übrigens ebenso in allen Satellitendaten für die Temperaturen der Troposphäre.

Abb. 1 Die fünf gängigen Datensätze der globalen Oberflächentemperatur. Jahreswerte bis einschließlich 2016. Grafik: Gavin Schmidt, NASA.

Die globale Erwärmung schreitet also immer weiter voran – wer sich Hoffnungen auf eine Verlangsamung gemacht hat, ist Wunschdenken erlegen. Drei Rekordjahre in Folge (2014, 2015 und 2016) hat es noch nie gegeben.  Laut NASA hat unser Planet 16 seiner 17 wärmsten Jahre seit 2001 erlebt. (Die einzige Ausnahme unter den Top 17 ist 1998 – der bislang größte kurzfristige Ausreißer dank eines Rekord-El-Niño im tropischen Pazifik.) Auch 2016 hat durch El Niño einen zusätzlichen Push nach oben bekommen – nach verschiedenen Abschätzungen zwischen 0,12 °C und 0,17 °C. Der allergrößte Teil der Wärmeanomalie ist also eine Folge des vom Menschen verursachten langfristigen Erwärmungstrends. Auch ohne El Niño hätten 2015 und 2016 Rekorde gesetzt.

Die verschiedenen Studien, die die relativen Anteile von natürlichen Schwankungen und anthropogener Erwärmung seit 1950 abgeschätzt haben, erhalten konsistent einen anthropogenen Anteil von um die 100%. Die Rekordwärme fällt mit einer besonders schwachen Sonnenaktivität zusammen (Stichwort „kalte Sonne“), die manche – wohl vor allem politisch motivierte – Autoren in den letzten Jahren schon von einer Abkühlung fabulieren ließ.

Abb. 2 Temperaturabweichung in 2016 vom Mittelwert 1951-1980. Daten: Berkeley Earth, Grafik: Robert Rohde.

Ein Blick auf den Pol enthüllt zwei interessante Aspekte der Erwärmung. Erstens sieht man auch 2016 die Kälteblase im Nordatlantik, die von einer wachsenden Zahl von Klimaforschern auf eine Abschwächung des Golfstromsystems zurückgeführt wird. Zweitens sieht man die horrende Erwärmung der Arktis, wo die Wärmeanomalie in größeren Gebieten teils deutlich über fünf Grad betrug. Diese überproportionale Erwärmung der Arktis geht mit dem rapiden Schwund des Meereises dort einher. Wobei wir schon beim nächsten Thema wären.

Das Meer- und Landeis

Die Eisdecke auf dem arktischen Ozean hat in ihrem Sommerminimum im September knapp den Negativrekord von 2012 verfehlt und ist „nur“ auf Rang zwei gelandet (gleichauf mit 2007). Dafür gab es dann im Oktober und im November weniger Eis als je zuvor in diesen Kalendermonaten seit Beginn der Satellitenmessungen.

Abb. 3 Eisausdehnung in der Arktis im Sommerminimum 2016. Zum Vergleich die mittlere Eisgrenze im Sommerminimum der Jahre 1981-2010 (goldene Linie). Grafik: NASA.

Dazu ist auch am anderen Ende der Erde die Eisdecke auf dem Südpolarmeer regelrecht abgestürzt und hat im November ein Rekordtief erreicht. Die folgende Grafik zeigt die gesamte Meereisdecke von beiden Polen zusammen. Im November/Dezember liegt sie weit unterhalb von allem, was früher gemessen wurde.

Abb. 4 Jahresgang der globalen Meereisausdehnung seit dem Beginn der Satellitenmessungen 1978.

Der Meereisschwund hat keinen direkten Einfluss auf den globalen Meeresspiegel, da das Meereis bereits im Wasser schwimmt. Allerdings geht mit dem Meereis ein Spiegel verloren, der die Polargebiete auch im Sommer kalt hält, indem er den größten Teil der ankommenden Sonnenstrahlen reflektiert. Der Eisverlust bedingt die in Abb. 2 gezeigte extreme Erwärmung der Arktis, die dann auch das Landeis von Grönland angreift. Auch diese gigantische Eismasse hat – Sie ahnten es – 2016 einen Negativrekord erreicht (Abb. 5).

Abb. 5 Die Eismasse Grönlands in Milliarden Tonnen, relativ zur Masse zu Beginn der GRACE Satellitenmission 2002. Quelle: NASA.

Auch das Kontinentaleis auf der Antarktis verliert immer mehr Masse.

Meeresspiegel

Womit wir beim globalen Meeresspiegel wären, der ebenfalls von Satelliten aus gemessen wird. Und der leider ebenfalls im Jahr 2016 ein Rekordniveau erreicht hat. Er steigt derzeit etwa um 3,4 Zentimeter pro Jahrzehnt.

Abb. 6 Globaler Meeresspiegel seit Beginn der Satellitenmessungen im Jahr 1993. Quelle: University of Colorado.

Für frühere Zeiten gibt es die Pegelmessungen und für frühere Jahrhunderte Proxydaten u.a. aus Küstensedimenten. Sie zeigen, dass der Anstieg im 20. Jahrhundert ein mehrfaches größer war als in den vorangegangenen 28 Jahrhunderten. Das ist logisch: ein Meeresspiegelanstieg ist eine zwingende physikalische Folge einer Klimaerwärmung (das Ozeanwasser dehnt sich bei Erwärmung aus, Landeis geht verloren), und die Erwärmung seit Beginn der Industrialisierung ist einmalig seit vielen Jahrtausenden.

Weblink

Guardian: We’re now breaking global temperature records once every three years

Offener Brief von über 700 US-Physikern an Donald Trump

„Alternative Fakten gefährden Demokratie“

Beitrag aus Klimaretter.info

Am 22. April, dem „Earth Day“, wollen Wissenschaftler in vielen Städten weltweit für die Freiheit der Wissenschaft auf die Straße gehen – in einem „Science March“. Die Bewegung begann in den USA, deren neuer Präsident Donald Trump den Klimawandel ebenso wie die Evolutionstheorie infrage gestellt hat und unter anderem anordnen ließ, dass die Umweltbehörde EPA keine Presseerklärungen mehr herausgeben und ihre Internetseite nicht mehr aktualisieren darf.

Auch in Deutschland soll es einen Science March geben. Ein Gespräch mit einem der Initiatoren, dem Bochumer Autor Claus Martin.

klimaretter.info: Herr Martin, wieso haben Sie Angst vor Donald Trumps „alternativen Fakten“?

Claus Martin: Der konstruktive Dialog ist eine elementare Grundlage unserer Demokratie. Wenn wissenschaftlich anerkannte Fakten angezweifelt, relativiert oder „alternativen Fakten“ gegenübergestellt werden, gerät diese Grundlage ins Wanken.

marchScience
Weltweite Organisation

Deshalb betrifft eine solche Entwicklung nicht nur Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, sondern unsere Gesellschaft als Ganzes.

Meinen Sie, Trump wird sich beeindrucken lassen? 

Der deutsche Science March richtet sich nicht gegen bestimmte Persönlichkeiten, politische Parteien oder Entscheidungen. Wir verstehen uns auch nicht als „Ableger“ unserer amerikanischen Kollegen. Es geht uns darum, für den Wert der Wissenschaft ganz allgemein zu demonstrieren.

Wie ist der Zuspruch in Deutschland?

Der Zuspruch ist außerordentlich groß. Innerhalb nur einer Woche haben wir Rückmeldungen aus zehn großen deutschen Städten bekommen.

Gibt es denn Interesse von den klassischen Wissenschaftsorganisationen? 

Wir sind im Gespräch mit zahlreichen großen Wissenschaftsorganisationen, die alle unserem Anliegen sehr positiv gegenüberstehen. Inwiefern es zu einer organisatorischen Zusammenarbeit kommen wird, ist derzeit noch offen.

marchScienceFrankfurt
March For Science Frankfurt am Main 22. April 2017

Wie groß ist das Interesse in anderen Ländern außerhalb der USA?

Der 22. April, der Earth Day, wird ein Tag sein, an dem Wissenschaftler auf der ganzen Welt für ihr gemeinsames Ziel auf die Straße gehen. In mehr als 100 Städten in vielen Ländern wird dieser Tag derzeit vorbereitet.

Allein diese Vielzahl und das globale Interesse dokumentiert, dass es um viel mehr geht als um eine Protestaktion gegen einen einzelnen Politiker.

BildAm Tag der Erde – am „Earth Day“ – soll dieses Jahr auch für die Freiheit und Würde der Wissenschaft demonstriert werden. (Foto: NASA/Wikimedia Commons)

In welchen Wissenschaftsbereichen ist die Gefahr am größten? Klimaforschung, Soziologie, Medizin? Beim Klimawandel ist Trump etwas zurückgerudert, er sagte, es könne doch einen gewissen Zusammenhang mit menschlichen Aktivitäten geben …

Ob in dem einen oder anderen Bereich die Gefahr größer ist oder nicht, können wir nicht einschätzen. Wir beurteilen das, was wir beurteilen können – und das ist die Situation der Wissenschaft insgesamt.

Herr Martin, Sie sind selbst kein Wissenschaftler. Wieso engagieren Sie sich so stark für den „Science March“?

Die Sache geht jeden an, nicht nur Wissenschaftler. Sie muss im Vordergrund stehen, nicht Personen.

Ich beteilige mich an der Planung dieser Aktion mit einem großen Team, darunter natürlich viele Wissenschaftler. Uns allen ist Wissenschaft und der Umgang mit Fakten aus den genannten Gründen wichtig.

Interview: Joachim Wille

1,5 Grad Ziel praktisch nicht mehr erreichbar

 In jeder Sekunde bläst die Menschheit 1.450 Tonnen CO2 in die Atmosphäre. Pro Jahr sind das rund 40 Milliarden Tonnen. Bleibt es bei der Menge und Geschwindigkeit, sind nur noch sechzehneinhalb Jahre übrig, um das Zwei-Grad-Limit einzuhalten. Das veranschaulicht die interaktive CO2-Uhr des Berliner Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC). Das MCC spricht von einem „engen Zeitrahmen für konkretes Handeln“.

Du bist Draufgänger [upper estimate]oder risikoscheu [lower estimate]?
Oben in der interaktiven Grafik kannst du mal verschiedene Optionen für 2 Grad und 1,5 Grad ausprobieren. 

Der Zeitrahmen ist womöglich sogar noch enger. Denn die gut 16 Jahre gelten nur für ein „mittleres Szenario“ und ein noch verbleibendes CO2-Budget von 760 Milliarden Tonnen. Nimmt man ein pessimistisches Szenario an, schrumpft das Emissions-Budget auf nur noch 430 Milliarden Tonnen – und es bleiben bloß neun Jahre und drei Monate. Bei einem optimistischen Szenario bleiben fast 1.000 Milliarden Tonnen und damit 20 Jahre.

Richtig eng wird es beim 1,5-Grad-Ziel. Dann bleiben bei einem mittleren Szenario nur noch ein Jahr und acht Monate – beziehungsweise vier Jahre und sieben Monate (optimistisch) oder sogar nur noch fünf Monate (pessimistisch).

Quellen:
www.klimaretter.info/

www.mcc-berlin.net/forschung/co2-budget.html

…. und wenn Du noch tiefer einsteigen willst, hier geht es deutlich gründlicher noch ungemütlicher in die Tiefe:
bitsofscience.org/observed-vs-real-global-temperature-series-conclusion-7180/

 

Buchtipp: Die Menschheit schafft sich ab

Ausbeutung der Bodenschätze, Verschmutzung der Weltmeere, Verpestung der Lufthülle, Klimaerwärmung: Wir Menschen zerstören unseren Planeten Erde mit großer Geschwindigkeit. Astrophysiker Harald Lesch, bekannt durch seine Wissenschafts-TV-Sendungen, zieht in seinem aktuellen Buch Bilanz und fragt: Schaffen wir uns allmählich selbst ab, wenn wir so weiter machen?

Seit 4,5 Milliarden Jahren zieht die Erde ungestört ihre Bahn. Das Leben gesellte sich viel später dazu. Erst seit rund 160.000 Jahren erschien der aufrecht gehende Homo sapiens, der Mensch, auf der Erdoberfläche. Mit Ackerbau und Viehzucht, Rohdungen und Bewässerungssystemen griff er immer radikaler in die Natur ein, vermehrte sich rasant und besiedelte entlegenste Gebiete. Seit einigen Jahren erörtern Wissenschaftler deshalb die Frage, ob der Eingriff des Menschen die Definition eines neuen Zeitalters rechtfertigt. Die Ursache, das Motiv? Energiehunger und virtuelles Kapital treiben einen zerstörerischen Kreislauf an.

Der Mensch sägt kontinuierlich am Ast, auf dem er sitzt
Geologen, Biologen, Meteorologen und Philosophen stellen die These auf, dass wir bereits im Menschzeitalter angekommen sind. Eines steht bereits fest: Noch nie – außer bei Asteroideneinschlägen und Ausbrüchen von Supervulkanen – hat ein Ereignis das Leben auf dem Planeten Erde so stark beeinflusst wie der Mensch. Immer tiefere hinterließ das sogenannte Anthropozän (Menschenzeitalter) in den letzten 2.000 Jahren seine Spuren. Doch erst seit kurzer Zeit (im jetzigen 21. Jahrhundert) erörtern wir das Thema und wissen, dass wir was ändern müssen.
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Über den Autor Harald Lesch ist Professor für Theoretische Astrophysik am Institut für Astronomie und Astrophysik der Universität München. Einer breiteren Öffentlichkeit ist er durch die im Bayerischen Fernsehen laufende Sendereihe „alpha-Centauri“ bekannt. Seit September 2008 moderiert er die ZDF-Reihe „Abenteuer Forschung“, die 2014 in „Leschs Kosmos“ unbenannt wurde. Er hat mehrere erfolgreiche Bücher veröffentlicht und betreibt bei Komplett-Media zusammen mit dem Physiker Joseph Gaßner den YouTube Channel „Urknall, Weltall und das Leben“.

Harald Lesch ist eine Art von postmodernem Phänomen der Wissenschaftskommunikation: seine Bühne kommt ohne den leicht zu durchschauenden Populismus aus. Sein Ziel: das humanistische  Anteilnehmenlassen an dem, was Alexander von Humboldt mit „Genuß“ in Form des Erlebens von Wissen bezeichnet hat. Er hat – auch für das aktuelle Buch – mit anderen Experten gesprochen, auch mit dem Meteorologen und Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif, der beispielsweise die verursachte Klimaerwärmung von 1,5 Grad Celsius bestätigt.

Die Temperatur steigt also, der Meeresspiegel steigt, das Eis auf Grönland schmilzt, das Eis in der Antarktis schmilzt, die Gebirgsgletscher ziehen sich zurück. Das sind Fakten, die schön längst bekannt sind – und deshalb ist sein Buchtitel gerechtfertigt. Denn das ist für die Meisten noch keine direkte Bedrohung, kein Grund, das Verhalten drastisch zu ändern. Sollte es aber. Und so erklärt Harald Lesch in einem Interview im Blog.diare:

Wenn wir uns unsere tatsächlichen Handlungen anschauen, diese unfassbare Kluft zwischen dem, was wir wissen und machen könnten und dem, was tatsächlich passiert, ist leider erschreckend.

Das Anthropozän liefert uns jedoch die ideale Gelegenheit, Inventur zu machen und nachzuhaken: Was machen wir mit der Inventur? Was sollen wir tun? Wir können dem Anthropozän einen ethischen Platz einräumen. Ich weiß, das ist nicht so gerne gesehen. Ethische Themen sind immer schwierig. Warum? Weil sie keine einfachen Ja- und Nein-Antworten liefern. Bei einem ethischen Thema geht es darum, abzuwägen. Wie können wir in der Weltgemeinschaft, innerhalb einer Gesellschaft, Gerechtigkeit verhandeln?“

Und deshalb ist das Buch auch so wichtig: es stellt wichtige Fragen, deren Antworten bekannt und deren Akzeptanz entscheidend für unseren Fortbestand und auch dem der Erde ist.

Die Menschheit schafft sich ab
Die Erde im Griff des Anthropozän

Komplett-Media, 2016, 29,95 Euro

Kaufen bei Ecobookstore.de

Quelle: Utopia.de

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Wahleinmischung in USA

Der Klimawandel wird von führenden Experten als eine der größten Herausforderungen angesehen. In den fiesen Clinton/Trump Kandidatendebatten des amerikanischen Fernsehens wurde das Thema viermal en passant von Hillary Clinton angesprochen. Putin fand im Vergleich dazu 137 Mal Erwähnung und Isis 101 Mal.

New York – Großer Promi-Auflauf in New York: Bevor der Dokumentarfilm „Before the Flood“ Ende Oktober 2016 in die US-amerikanischen Kinos kam, wurde er bereits im Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York City gezeigt. Mehrere hochrangige Politiker, bekannte Schauspieler und bedeutende Persönlichkeiten kamen zu der Vorführung.

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Den Film hat Leonardo diCaprio gemeinsam mit dem Regisseur Fisher Stevens gedreht. In dem Film sieht man Leonardo DiCaprio (41) als Erzähler, wie er sich mit führenden Wissenschaftlern und Politikern unterhält und mit ihnen diskutiert, was gegen den Klimawandel unternommen werden kann. Der Film behandelt die Frage, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Umwelt hat, welche Rolle die Gesellschaft trägt und welche Möglichkeiten es gibt, vom Aussterben bedrohte Tierarten, Ökosysteme und Gemeinschaften von Urvölkern zu erhalten.

Es ist nach Aussage des Regisseurs Fisher Stevens Absicht, den Leugnern des Klimawandels aus dem US-amerikanischen Kongress und auch der Bevölkerung, die Wichtigkeit des Pariser Klimaabkommens verständlich zu machen.

Für DiCaprio ist der Klimawandel die elementarste Bedrohung der Erde: „Wir müssen zusammenstehen und gemeinsam Taten fordern. Davon hängt unser Überleben ab. Dieser Dokumentarfilm zeigt die Auswirkungen des Klimawandels und mögliche Lösungen, ohne dass Informationen von Personen verfälscht werden, die an fossilen Brennstoffen verdienen.“

„Leonardo DiCaprio: Before the Flood“ dient als Warnschuss: Die Dokumentation soll die Menschen dazu bewegen, den Klimaschutz an erste Stelle zu stellen. Auch der Oscar-prämierte Dokumentarfilmer und Co-Produzent Fisher Stevens hofft, dass die Bürger erkennen, wie wichtig jeder einzelne angesichts des Klimawandels ist.

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In Deutschland gibt es leider (noch) keine Pläne für Kino Aufführungen. Einzige bisher bekannte Vorführung im deutschen Sprachraum: „Leonardo DiCaprio: Before the Flood“ am 30. Oktober um 21.00 Uhr auf dem National Geographic Channel.

Die „fesselndste Klimagrafik aller Zeiten“ hat Geschwister bekommen

Seit dem Frühsommer verbreitet sich eine animierte Infografik zur Erderwärmung wie ein Lauffeuer im Internet: In ihr hat der britische Klimaforscher Ed Hawkins den Temperaturanstieg der vergangenen Jahrzehnte als immer stärker ausgreifende Spirale dargestellt – die Washington Post sprach von der „fesselndsten Klimagrafik aller Zeiten“. Zwei Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Robert Gieseke und Malte Meinshausen, haben der Temperaturspirale nun zwei weitere, ebenfalls animierte Grafiken zur Seite gestellt (hier klicken für die animierte Fassung). kf3spirals_klick„Dieses Datenprojekt zeigt unseren Einfluss auf den Klimawandel“, titelt dazu ze.tt, das Jugendmagazin von Zeit-Online. Im zugehörigen Text werden die Grafiken vorgestellt, die Wirkungskette von Kohlendioxidausstoß zu Erderwärmung erläutert und nebenbei sperrige Begriffe wie „Kohlenstoffhaushalt“ und „Zwei-Grad-Grenze“ erklärt. Und ganz am Ende wird nochmal klargemacht, dass der Klimawandel kein fremdbestimmtes Schicksal ist – sondern der Mensch es durch zügige Emissionsminderungen noch in der Hand hat, ihn zu bremsen.

Quelle: Klimafakten.de

Ein großer Teil der globalen Erwärmung wird durch kurzfristige Faktoren maskiert. Die zu unserem jetzigen CO2 Gehalt in der Atmosphäre gekoppelte Temperatur ist deutlich höher als das was wir aktuell messen und an Verwerfungen erfahren. Es gibt eine Verzögerung von ca. 30 Jahren in der Wirkung. Abschätzungen gehen von 0,5 bis 1 Grad Celsius aus. Das ist bitter und hochdramatisch. Der jetzige CO2 Gehalt muss nicht stabilisiert, sondern reduziert werden.
Quelle: http://www.bitsofscience.org/observed-vs-real-global…/…
Der Journalismus und die Medienbranche versagen vollkommen bei der Berichterstattung über die Erderwärmung – und tragen daher die Hauptverantwortung dafür, dass Gesellschaft, Politik und Wirtschaft weiter das Klima zerstören. Die Medien lenken uns ab von den Themen, die die Richtung unseres Lebens bestimmen werden – und hin zu Themen von himmelschreiender Unwichtigkeit. Reihenweise häufen sich die Indizien dafür auf, dass der Klimawandel viel schneller abläuft, als es die Wissenschaft eigentlich erwartet hat: immer neue Rekorde bei der Erdmitteltemperatur, Arktisschmelze, Fluten, Hitzewellen – doch in den Medien fänden die sich allenfalls als Randnotizen. Oder die kommende Präsidentenwahl in den USA, die ist eine echte Richtungsentscheidung – während der Republikaner Trump den Klimawandel für Schwindel halte, verspricht die Demokratin Clinton eine ehrgeizige Energiewende. Doch die Zeitungsspalten und Sendeminuten von den Wahlparteitagen werden stattdessen vor allem mit belanglosen Trivialitäten gefüllt.
Auf vielen Ebenen sind die Medien parteiisch – aber am bedeutsamsten ist ihre Voreingenommenheit gegen Relevanz. Wenn die Menschheit bei der Begrenzung des Klimawandels versage, dann werde nicht die Öl- oder Kohleindustrie, nicht die Verkehrsbranche oder die Landwirtschaft die Hauptschuld tragen. Wenn es die Öffentlichkeit zulässt, dass diese Wirtschaftszweige das Klima zerstören, dann liege das vor allem am Versagen der Medien. Das größte Problem ist die Branche, in die ich früher so große Hoffnungen gesetzt habe.

Tolle Sendung zum Klimaschutz in KiKa

Drei Berliner Familien stellen sich einem außergewöhnlichen Wettbewerb: Wer am meisten CO2 einspart, gewinnt. Für die Umwelt und den Sieg sind sie bereit für sechs Wochen ihren kompletten Alltag zu verändern. Bevor es los geht, wird eine Woche lang genau gemessen, wie viel CO2 die Familien in ihrem Alltag verursachen. Wer hat die Nase vorn?

Am 12. September um 19.25 Uhr startete die TV-Serie „Die Klimaretter – Wer spart, gewinnt!“ im Kinderkanal (Kika) von ARD und ZDF. Drei Berliner Familien versuchen eine Woche lang mit einem möglichst geringen CO2-Verbrauch zu leben. 

In der ZDF tivi Mediathek anschauen.

Von hier aus könnte der Wandel zu einer CO2-freien Wirtschaft angestoßen worden sein: Wandgestaltung am Eingang des Plenarsaals beim Klimagipfel in Paris. (Foto: Mikael Axelsson/Stockholm Resilience Centre; Porträtfoto Katharina Galle: Rico Rossival/ZDF)

Mehr Hintergrundinfos in Klimaretter.info

zdf_tivi_klimarettert22016 schlägt alle Temperaturrekorde. Die Erde war noch nie so heiß in einem August wie dieses Jahr. Und das blieb nicht ohne globale Katastrophen. Siehe Viedeo unten.

Hansen: Eisschmelze und Superstürme

Eisschmelze, Meeresspiegel Anstieg und Superstürme sind Themen im Video von Dr. James Hansen.

James E. Hansen ist ein US-amerikanischer Klimaforscher. Von 1981 bis 2013 war er Direktor des Goddard Institute for Space Studies (GISS) der NASA und Professor für Erd- und Umweltwissenschaften an der Columbia University. Bekannt wurde Hansen besonders in den 1980ern als einer der ersten Wissenschaftler, der eindringlich vor den Gefahren der globalen Erwärmung warnte. Er beendete im April 2013 sein Engagement bei der NASA, um sich fortan vorrangig auf politischer und juristischer Ebene für die Verringerung von Treibhausgasemissionen einzusetzen. 2008 veröffentlichte Hansen eine Studie, die besagt, dass der Gehalt von Kohlenstoffdioxid in der Erdatmosphäre einen Wert von 350 parts per million (ppm) nicht überschreiten dürfe, wenn das 2-Grad-Ziel noch zu erreicht und ein Kippen des globalen Klimasystems mit irreversiblen Folgen verhindert werden soll.  Der derzeitige Wert mit rund 403 ppm liegt bereits deutlich über der von Hansen genannten Grenze.  Wikipedia

 Titelbild: Website James Hansen