„Alternative Fakten gefährden Demokratie“

Beitrag aus Klimaretter.info

Am 22. April, dem „Earth Day“, wollen Wissenschaftler in vielen Städten weltweit für die Freiheit der Wissenschaft auf die Straße gehen – in einem „Science March“. Die Bewegung begann in den USA, deren neuer Präsident Donald Trump den Klimawandel ebenso wie die Evolutionstheorie infrage gestellt hat und unter anderem anordnen ließ, dass die Umweltbehörde EPA keine Presseerklärungen mehr herausgeben und ihre Internetseite nicht mehr aktualisieren darf.

Auch in Deutschland soll es einen Science March geben. Ein Gespräch mit einem der Initiatoren, dem Bochumer Autor Claus Martin.

klimaretter.info: Herr Martin, wieso haben Sie Angst vor Donald Trumps „alternativen Fakten“?

Claus Martin: Der konstruktive Dialog ist eine elementare Grundlage unserer Demokratie. Wenn wissenschaftlich anerkannte Fakten angezweifelt, relativiert oder „alternativen Fakten“ gegenübergestellt werden, gerät diese Grundlage ins Wanken.

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Weltweite Organisation

Deshalb betrifft eine solche Entwicklung nicht nur Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, sondern unsere Gesellschaft als Ganzes.

Meinen Sie, Trump wird sich beeindrucken lassen? 

Der deutsche Science March richtet sich nicht gegen bestimmte Persönlichkeiten, politische Parteien oder Entscheidungen. Wir verstehen uns auch nicht als „Ableger“ unserer amerikanischen Kollegen. Es geht uns darum, für den Wert der Wissenschaft ganz allgemein zu demonstrieren.

Wie ist der Zuspruch in Deutschland?

Der Zuspruch ist außerordentlich groß. Innerhalb nur einer Woche haben wir Rückmeldungen aus zehn großen deutschen Städten bekommen.

Gibt es denn Interesse von den klassischen Wissenschaftsorganisationen? 

Wir sind im Gespräch mit zahlreichen großen Wissenschaftsorganisationen, die alle unserem Anliegen sehr positiv gegenüberstehen. Inwiefern es zu einer organisatorischen Zusammenarbeit kommen wird, ist derzeit noch offen.

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March For Science Frankfurt am Main 22. April 2017

Wie groß ist das Interesse in anderen Ländern außerhalb der USA?

Der 22. April, der Earth Day, wird ein Tag sein, an dem Wissenschaftler auf der ganzen Welt für ihr gemeinsames Ziel auf die Straße gehen. In mehr als 100 Städten in vielen Ländern wird dieser Tag derzeit vorbereitet.

Allein diese Vielzahl und das globale Interesse dokumentiert, dass es um viel mehr geht als um eine Protestaktion gegen einen einzelnen Politiker.

BildAm Tag der Erde – am „Earth Day“ – soll dieses Jahr auch für die Freiheit und Würde der Wissenschaft demonstriert werden. (Foto: NASA/Wikimedia Commons)

In welchen Wissenschaftsbereichen ist die Gefahr am größten? Klimaforschung, Soziologie, Medizin? Beim Klimawandel ist Trump etwas zurückgerudert, er sagte, es könne doch einen gewissen Zusammenhang mit menschlichen Aktivitäten geben …

Ob in dem einen oder anderen Bereich die Gefahr größer ist oder nicht, können wir nicht einschätzen. Wir beurteilen das, was wir beurteilen können – und das ist die Situation der Wissenschaft insgesamt.

Herr Martin, Sie sind selbst kein Wissenschaftler. Wieso engagieren Sie sich so stark für den „Science March“?

Die Sache geht jeden an, nicht nur Wissenschaftler. Sie muss im Vordergrund stehen, nicht Personen.

Ich beteilige mich an der Planung dieser Aktion mit einem großen Team, darunter natürlich viele Wissenschaftler. Uns allen ist Wissenschaft und der Umgang mit Fakten aus den genannten Gründen wichtig.

Interview: Joachim Wille

Drei Ziele: JetztRettenWirDieWelt

Idealist*innen und Querdenker*innen versammeln sich auf der Plattform  jetztrettenwirdiewelt.de. Gewohnte Dinge werden hinterfragt und konkrete Anleitungen für ein bewussteres, sozialeres und ökologischeres Leben gesucht und geteilt. Mit spannenden Gesprächen und konkreten Aktionen ist die Initiative jetzt gestartet.
Mein erster Eindruck: richtig klasse! Ich freue mich, dass es sowas gibt.

 

Mehr Infos:  jetztrettenwirdiewelt.de

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Wahleinmischung in USA

Der Klimawandel wird von führenden Experten als eine der größten Herausforderungen angesehen. In den fiesen Clinton/Trump Kandidatendebatten des amerikanischen Fernsehens wurde das Thema viermal en passant von Hillary Clinton angesprochen. Putin fand im Vergleich dazu 137 Mal Erwähnung und Isis 101 Mal.

New York – Großer Promi-Auflauf in New York: Bevor der Dokumentarfilm „Before the Flood“ Ende Oktober 2016 in die US-amerikanischen Kinos kam, wurde er bereits im Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York City gezeigt. Mehrere hochrangige Politiker, bekannte Schauspieler und bedeutende Persönlichkeiten kamen zu der Vorführung.

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Den Film hat Leonardo diCaprio gemeinsam mit dem Regisseur Fisher Stevens gedreht. In dem Film sieht man Leonardo DiCaprio (41) als Erzähler, wie er sich mit führenden Wissenschaftlern und Politikern unterhält und mit ihnen diskutiert, was gegen den Klimawandel unternommen werden kann. Der Film behandelt die Frage, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Umwelt hat, welche Rolle die Gesellschaft trägt und welche Möglichkeiten es gibt, vom Aussterben bedrohte Tierarten, Ökosysteme und Gemeinschaften von Urvölkern zu erhalten.

Es ist nach Aussage des Regisseurs Fisher Stevens Absicht, den Leugnern des Klimawandels aus dem US-amerikanischen Kongress und auch der Bevölkerung, die Wichtigkeit des Pariser Klimaabkommens verständlich zu machen.

Für DiCaprio ist der Klimawandel die elementarste Bedrohung der Erde: „Wir müssen zusammenstehen und gemeinsam Taten fordern. Davon hängt unser Überleben ab. Dieser Dokumentarfilm zeigt die Auswirkungen des Klimawandels und mögliche Lösungen, ohne dass Informationen von Personen verfälscht werden, die an fossilen Brennstoffen verdienen.“

„Leonardo DiCaprio: Before the Flood“ dient als Warnschuss: Die Dokumentation soll die Menschen dazu bewegen, den Klimaschutz an erste Stelle zu stellen. Auch der Oscar-prämierte Dokumentarfilmer und Co-Produzent Fisher Stevens hofft, dass die Bürger erkennen, wie wichtig jeder einzelne angesichts des Klimawandels ist.

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In Deutschland gibt es leider (noch) keine Pläne für Kino Aufführungen. Einzige bisher bekannte Vorführung im deutschen Sprachraum: „Leonardo DiCaprio: Before the Flood“ am 30. Oktober um 21.00 Uhr auf dem National Geographic Channel.

Vertrauen wichtiger als Information

„Mit Argumenten allein lässt sich der Klimawandel nicht stoppen. Klimapsychologen setzen vermehrt darauf, Emotionen zu wecken – besonders bei Konservativen.“

In der Süddeutschen Zeitung vom 5. Juni 2016 setzt sich Christopher Schrader unter der Überschrift „Vertrauen ist beim Thema Klimawandel wichtiger als Information“ deutlich fundierter mit dem Thema Klimawandel auseinander als es in regelmäßigen Abständen in SPIEGEL ONLINE Axel Bojanowski macht. Ebi schreibt vielleicht noch was zu seinen Erfahrungen bei Informationsveranstaltungen, meinte er heute in einem Mainzer Café.

Aus dem SZ Artikel:

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Mainz: Silent Climate Parade 2015

Mitten im Interview wird der Becher in der Hand von George Marshall zum Beweisstück der Anklage: „Sehen Sie, ich habe mir gerade einen Kaffee gemacht. Der Strom, den ich dafür gebraucht habe, setzt Schadstoffe in die Luft frei. Und wissen Sie was? Es ist mir egal.“

Wer Marshall kennt, wird bei diesen Worten den Atem anhalten. Natürlich stellt das Heißgetränk keine ernsthafte Gefahr dar. Und der Brite ist auch keiner dieser Zeitgenossen, die breitbeinig ihr vermeintlich angeborenes Recht vertreten, die Ressourcen dieser Welt auszubeuten – denen ginge es ohnehin eher um die Tankfüllung ihres Geländewagens. George Marshall ist ein Veteran der Klimaschutzbewegung, hat bei Greenpeace gearbeitet, sich für den Regenwald engagiert und die britische Organisation Climate Outreach mitbegründet.

Marshall möchte vielmehr die eigenen Reihen provozieren. Er bekennt, dass zwar viele Klimaschützer den Kampf gegen die globale Erwärmung als moralisches Gebot betrachten, es aber im Privatleben auch nicht schaffen, ihre Handlungen an ihren Überzeugungen auszurichten. Sie sind darum keine Heuchler, sondern: Menschen. Und so sollten sie auch Zuhörer sehen, die ihre Überzeugung nicht teilen.

Menschen möchten nicht schräg angeschaut werden, weil sie am Konsens der Gruppe rütteln

„Wer an den Klimawandel glaubt, tut das meistens, weil es gut zu ihm passt. Die anderen haben auch gute Gründe für ihre Einstellung. Sie sind keine Idioten, weil sie nicht an den Klimawandel glauben“, sagt der Brite. Es geht ihm darum, einen Zugang zu ihnen zu finden. Bei der Lösung für die Klimaprobleme müssen alle zusammen und aus innerer Überzeugung anpacken. Verzicht zu predigen, wird kaum jemanden überzeugen.2015-05-29_SilentClimateParadeMainz_7

Diese Einsicht könnte nach Ansicht Marshalls einen Strategiewechsel einleiten. Die gravierenden Folgen des Klimawandels abzufedern, ist für Aktivisten wie ihn kein naturwissenschaftliches oder technisches Problem mehr, sondern ein soziales. „Die menschliche Reaktion auf den Klimawandel zu verstehen, ist genauso wichtig, wie den Klimawandel selbst zu verstehen“, sagt der norwegische Psychologe Per Espen Stoknes. „Wir alle tun so, als seien wir rational, wenn wir uns irrational benehmen.“ Marshall, Stoknes und andere beschwören die zweite Stufe der Klimaforschung. Statt Physik, Chemie und Ozeanografie sollen nun Gesellschaftswissenschaften und Psychologie im Mittelpunkt stehen. Diese decken eine Reihe systematischer Denkfehler und mentaler Schleichwege auf. Es sind universelle, aber weitgehend unbewusste Mechanismen. Der menschliche Geist ist demnach auf kaum eine Gefahr so schlecht vorbereitet wie auf den Klimawandel; er findet lauter Ausflüchte, nicht darauf zu reagieren.

Ein typisches Problem sei zum Beispiel diese verbreitete Haltung: Was soll ich mich einschränken, wenn es die anderen nicht tun? Das bringt Nachteile für mich, aber keine messbaren Vorteile für die Umwelt. Doch diese Überlegung verkennt, dass Menschen in anderen Lebensbereichen solche Nachteile in Kauf nehmen. Sie gewähren einander im Verkehr den Vortritt oder weisen eine Kassiererin darauf hin, dass sie zu viel Wechselgeld herausgegeben hat. Ihnen ist es genug, wenn sie so ein besseres Gewissen haben oder sogar als Vorbild wirken können.

Dahinter steht die Erkenntnis von Psychologen, dass Menschen ihr Verhalten und ihre Meinungen stark an ihrer sozialen Gruppe ausrichten, meist ohne es zu bemerken. Sie möchten nicht plötzlich von ihren Freunden schräg angeschaut werden, weil sie am Konsens der Gruppe rütteln. Und das erklärt auch, wieso Wissenschaftler und Umweltschützer häufig ihre Botschaft nicht anbringen können. Sie argumentieren mit Daten und Messungen, aber ihre Warnungen prallen am Publikum ab – woraufhin sie noch mehr Fakten vorlegen.wokamod2-verkl

Wie sich die Trägheit der Masse überwinden lässt

Bei dieser Kommunikationsstrategie ist schon die Grundannahme falsch: dass die Menschen zu wenig wissen, mit genügend Informationen aber den Ernst der Lage begreifen. Tatsächlich sei es so, sagt die Psychologie, dass die Zuhörer alle neuen Informationen filtern. „Wenn es einen Konflikt zwischen den Fakten und den Wertvorstellungen eines Menschen gibt, werden die Fakten verlieren“, sagt Stoknes. Was nicht passt, erhält keinen Platz im Denkgebäude.

Oft hängt es von der Quelle ab, ob ein Mensch überhaupt richtig zuhört. „Schon bevor jemand den Mund aufmacht, ist entschieden, was ich von seiner Botschaft halte“, so Stoknes. „Vertrauen ist wichtiger als Information“, ergänzt George Marshall. Freunden, Verwandten, dem Pastor oder einem geschätzten Politiker glaubt man. Journalisten der vermeintlich linksorientierten Zeitung glaubt man nicht, und erst recht nicht Umweltschützern, die einem das Auto wegnehmen wollen.

Wissenschaftler können schon durch ihre Wortwahl unglaubwürdig werden: Viele Begriffe, Konzepte und Ideen lösen Assoziationen mit anderen Dingen aus. Schon das Wort „Klima“ kann zur Abwehr führen. Das Erwähnen von Temperaturen führt zur Assoziation mit der von Klimaskeptikern behaupteten Erwärmungspause. Und wenn ein Forscher von möglichen Messungenauigkeiten spricht, hört mancher Laie nur heraus, die Ergebnisse seien unsicher.angst_Mz

Soziale Normen bestimmen auch das Verhalten. Die Psychologie kennt zum Beispiel den sogenannten Zuschauer-Effekt. Sie erklärt damit, warum bei Notfällen oft die Hilfsbereitschaft von Unbeteiligten umso geringer ist, je mehr Menschen das Ereignis wahrnehmen. Jeder einzelne sucht dann in der Menge nach Hinweisen, was zu tun sei. „Je mehr Leute von einem Problem wissen, desto mehr neigen wir dazu, unser eigenes Urteil zu ignorieren und die geeignete Reaktion am Verhalten der anderen abzulesen“, sagt George Marshall. Macht niemand den ersten Schritt, oder sprechen sich Meinungsführer gar aktiv gegen das Eingreifen aus, passiert eben nichts.

„Auf das satte Röhren eines Mustang V8 müssen wir wohl verzichten.“

Dieser Herdentrieb führt dazu, dass Menschen den Klimawandel bestenfalls als ein Problem unter vielen ansehen. Das gilt wider Erwarten auch für Deutschland. Zwar erklären etwa in Umfragen des US-Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center 55 Prozent der Deutschen, sie seien wegen des Klimawandels sehr besorgt. Werden die Leute jedoch nach den ernsten globalen Problemen gefragt, wie etwa im Frühjahr 2015, landet der Klimawandel hinter dem IS, den Spannungen mit Russland, einer möglichen iranischen Bombe und Cyberattacken auf Platz fünf.green2

Menschen können sich nur eine begrenzte Anzahl von Sorgen machen. Darum führt eine neue Angst wie die vor dem islamistischen Terror dazu, dass die globale Erwärmung weniger bedrohlich erscheint. Ganz oben auf der Skala bleiben – vermeintliche oder echte – Gefahren, die Emotionen auslösen: die Angst vor Jobverlust, Verbrechen oder Krankheit. „In der Klimadebatte haben wir noch immer keine Möglichkeit gefunden, auf gleiche Weise das fühlende Gehirn anzusprechen“, bekennt George Marshall. Die Suche nach einem Ansatz gleiche „der Alchemie, die unedle Daten in emotionales Gold verwandeln will“.

[taz.spot] Unser roter Faden from taz.die tageszeitung on Vimeo.

Was den Menschen zum Handeln motiviert, beschreibt der Psychologe Daniel Gilbert von der Harvard University mit dem PAIN-Schema (personal, abrupt, immoral, now – auf Deutsch etwa: persönlich, plötzlich, unmoralisch und gegenwärtig). Menschen reagieren demnach stark darauf, wenn Täter und/oder Opfer ein bekanntes Gesicht haben, wenn sich die Verhältnisse unerwartet und schnell ändern, wenn ethische Werte verletzt sind und das Ganze in diesem Moment passiert. Terrorismus drücke jeden dieser vier Knöpfe, stellt Gilbert nüchtern fest: Bärtige Männer mit Maschinenpistolen oder Sprengstoffgürteln können jederzeit plötzlich auftauchen. Der Klimawandel drückt dagegen keinen der Knöpfe. Täter sind kaum auszumachen, die Opfer sind anonyme Menschen auf entfernten Erdteilen, viele Warnungen vor den Folgen der globalen Erwärmung zielen auf das Jahr 2100, die Veränderungen sind graduell. „Die globale Erwärmung ist nur darum eine tödliche Bedrohung, weil sie im Gehirn keinen Alarm auslöst“, sagt Gilbert. „Sie lässt uns in einem brennenden Bett ruhig weiterschlafen.“puten

Immer mehr Investoren schrecken vor fossilen Energien zurück

Unter diesen Umständen sein Leben ohne Änderungen weiterzuleben, sei eine menschliche Reaktion, sagt der norwegische Psychologe Stoknes. Hinter der Tatenlosigkeit stehe oft eine kognitive Dissonanz. „Wir empfinden einen Widerspruch zwischen dem, was wir tun, und dem, was wir wissen. Um zu vermeiden, uns als Heuchler zu fühlen, sperren wir das Wissen in unserem Kopf ein.“

Das Steuer lässt sich nur herumreißen, glaubt Stoknes, wenn eine kulturelle Transformation der Gesellschaften erfolgt. Vorbild sind jene Massenbewegungen, die Rassentrennung in den USA und Apartheid in Südafrika auf den Müllhaufen der Geschichte gefegt haben. Oft ging es nach Jahrzehnten ohne Fortschritt plötzlich überraschend schnell, weil die Causa in sehr vielen Gruppen der Gesellschaft und politischen Strömungen angekommen war. Ähnliches könnte beim Klimawandel passieren. Ein Beispiel ist der aktuelle Ruf nach Devestition, also der Rückzug von Einlagen aus der Fossile-Energien-Industrie. Ihm folgen bereits immer mehr Geldanleger.

Parallel dazu muss sich der Ton der Debatte ändern, also die Rahmenerzählung, die dem Klimawandel seinen Platz im gesellschaftlichen Diskurs gibt. „Dass die Menschen massenhaft aktiv werden, erreichen wir nicht durch Narrative von Feindschaft“, sagt George Marshall. „Wir müssen stattdessen Narrative von Kooperation, geteilten Interessen und gemeinsamer Menschlichkeit entwickeln.“ Seine Organisation Climate Outreach entwickelt deshalb neue Strategien, wie man mit Konservativen über Klimaschutz sprechen könne. Die Diskussion solle mit Werten beginnen, nicht mit Zahlen, heißt es. Es müsse um Integrität und Sicherheit, Gleichgewicht und Verantwortung gehen, besonders das Konzept „Vermeiden von Verschwendung“ im Zusammenhang mit dem Energieverbrauch habe sich bewährt. Außerdem sprächen solche Gruppen gut auf persönliche Geschichten an, in denen sie ihr Weltbild wiederfinden. Die sonst von Klimaschützern gern genutzten Warnungen vor Opfern in fernen Ländern oder der Tierwelt stießen Konservative hingegen eher ab.

Marshall ist überzeugt, dass die Klimaschützer alter Schule die Lufthoheit über das Thema aufgeben müssen. „Es kann nur funktionieren, wenn in jeder sozialen Gruppe die jeweiligen Meinungsführer ihre Version von Klimaschutz verbreiten“, sagt er. In vielen Fällen darf dabei das Wort Klimabotschaft„Klima“ nicht auftauchen. Stattdessen könnte es zum Beispiel um Energie-Unabhängigkeit, saubere Luft oder Wetterextreme gehen. „Den Erfolg werden wir daran erkennen“, sagt Marshall, „dass über das Thema auf eine Art geredet wird, die uns überhaupt nicht gefällt.“

Eine Kröte gilt es gleich am Anfang zu schlucken: Man müsse es Menschen zugestehen, um das Zeitalter der fossilen Energien zu trauern. Diese Melancholie ist Marshall selbst nicht fremd. „Die Zukunft wird viele neue Genüsse bereithalten. Aber auf das satte Röhren eines Ford Mustang V8 müssen wir wohl verzichten.“

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Der Öko-Psychologe Per Espen Stoknes im Gespräch mit
Alex Smith von EcoShock Radio. Video: Mashup vom Video „Disruption“: ‘When it comes to climate change, why do we do so little when we know so much?’

Links:

http://www.ecoshock.info/

http://watchdisruption.com/

http://www.reflecta.org/index.php/de/filme

Solidarische Landwirtschaft Mainz

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Registrierung und Ausgabe der personalisierten Mitglieds- und Kreditverträge

Sturm pfeift durch die Mainzer Frischluft­schneise. Ich stramcsm_logo-solawi_275606a9c1pele auf meinem Fahrrad vorbei an der 05er Coface Arena gegen den Wind um noch rechtzeitig zum Beginn der Jahres­haupt­versammlung der SoLaWi-Mainz im Waldorf­kinder­garten ‚Blumenwiese‘ in Mainz-Finthen anzukommen. Vergeblich, schweißgebadet komme ich eine Viertelstunde zu spät. Aber die Versammlung hat noch gar nicht begonnen. Der Ansturm neuer Gesell­schafterInnen ist so groß, dass draußen noch eine lange Schlange auf die Registrierung und Sitzungs­dokumente wartet.

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Gespannte Erwartung im Waldorf­kinder­garten ‚Blumenwiese‘
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Gärtner Thilo erklärt den Anbauplan, siehe SoLaWi-Mainz Webseite
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Hier in Gonsenheim kann am 5. Mai das erste Mal Gemüse der Saison 2016 abgeholt werden

SoLaWi bedeutet „Soli­darische Land­wirt­schaft“. Es ist eine Form der Vertrags­land­wirt­schaft, bei der eine Gruppe von Ver­brauchern auf lokaler Ebene mit einem Partner-Landwirt kooperiert. Die Essenz dieser Beziehung ist die gegenseitige Vereinbarung: der Hof ernährt die Menschen und alle teilen sich die damit verbundene Verantwortung, das Risiko, die Kosten und die Ernte. Dies entspricht einer bewährten Praxis: für die längste Zeit der Mensch­heits­geschichte waren Menschen mit dem Land verbunden, das sie ernährt hat. Bei diesem Konzept werden die Lebens­mittel der Land­wirt­schaft nicht mehr über den Markt vertrieben, sondern fließen ein in einen eigenen, von Teilnehmer­seite mit organisierten und finanzierten, durchschaubaren Wirtschaftskreislauf.
Bei SoLaWi-Mainz geht es aber anders. Da die Initiatoren keinen geeigneten Partner-Landwirt finden konnten, wurde einfach eine eigene Landwirt­schaft gegründet. Das bedeutete, Maschinen und Saatgut kaufen, Pachtverträge abschließen und Personal einstellen. Für die Finanz­planung 2016 spitz gerechnet, etwa 75.000 Euro müssen in die Kasse kommen.finanzplan

Das Gründungs­team hat für die Kapital­beschaffungs­maß­nahme zwei Stand­beine entwickelt:

  • Zinslose Kredite, maximal 600 Euro pro Vereinsmitglied
  • Feste Zusagen für monatliche Solidarbeiträge.

Im Gegenzug gibt es regelmäßig ökologisch einwandfreie Gemüse und Kräuter­lieferungen. Der Ernteplan für die kommende Saison wurde vorgestellt und besprochen.SoLaWI_r

Wenn die Initiatoren vorher noch Zweifel hatten ob ihr Konzept aufgeht – die Zweifel lösten sich im Verlauf der Sitzung in Luft auf. Ein Interessent verabschiedete sich zwar, als im klar wurde, dass Land­wirt­schaft auch immer mit einem Risiko verbunden ist – die Rück­zahlung eines Darlehens natürlich nicht so garantiert werden kann wie bei Einlagen in der Mainzer Sparkasse, aber dieses Risiko wollten alle anderen eingehen. Schließlich ging es ihnen nicht um die Geldanlage, sondern um einen Gegenentwurf zu dem Natur und Gesellschaft zerstörenen Wirtschaftssystem. Stichworte: Solidarisch, ökologisch.Zeitplan2016
Ein kompliziert ausgetüfteltes, mehrstufiges Verfahren um die Finanzzusagen der einzelnen InteressentInnen auszubalancieren, führte schon in der ersten Runde zum Voll­treffer. Die Finanzen waren gesichert. 70 Anteile wurden vergeben, wobei viele kleinere Haushalte Anteile teilen. Am Ende der Versammlung waren es dann offiziell 183 Personen die im Verein mitmachen.SolawiFrankfurt

So fing es an

Während der Informationsveranstaltung ‚Neue Städter braucht das Land‘ lernten sich die Gründungs-Initiatoren der SoLaWi Mainz im August 2013 kennen und entwickelten gemeinsam den Plan, ein Pilotprojekt ‚Solidarische Landwirtschaft‘ in Mainz ins Leben zu rufen. Nachdem Planung und Landsuche Form angenommen hatten, konnte 2015 mit Hilfe eines sehr engagierten Gärtners auf der idyllisch gelegenen ‚Ochsenwiese‘ mit dem Gartenbau im Herzen Mainz-Gonsenheims auf 1500qm Gartenfläche begonnen werden. Es gelang einige Baustevegetables3ine der Vorstellung von solidarischer Landwirtschaft in der Praxis zu testen und für 10 Anteile / Haushalte vielfältig Gemüse anzubauen, welches die Teilnehmer donnerstags, frisch geerntet in Mainz-Gonsenheim abholen konnten. Der Jahresrückblick ergab die Schlussfolgerung, dass das Projekt in Bezug auf Ernteertrag, Finanzierung, Ökologie, Gemeinschaftlichkeit und Zufriedenheit der Abnehmer gelungen war und die Planung begann, in 2016 auf 70 Anteile zu vergrößern.

Momenten wird in den einzelnen Mainzer Stadtteilen die Abholung der Ernteerträge aus Gonsenheim organisiert, damit nicht jeder unnötig fahren muss. Es ist gesät, ich bin auf meine ersten Ernteerträge im Frühling gespannt.

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Weitere Infos bei www.solawi-mainz.de

Klima – sprechen wir darüber. Aber wie?

Eine neue Epoche der Klimapolitik beginnt nach der Pariser Konferenz. Für Dekarbonisierung und gesellschaftliche Transformation sind belastbare Tatsachen ebenso nötig wie eine breite Debatte. Dazu will das Portal klimafakten.de mehr als bisher beitragen und wagt am 29. Januar mit einer Veranstaltung in Berlin den Neustart.

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Naomi Klein diskutiert in Paris

Klimafakten.de, ein von der Stiftung Mercator und der European Climate Foundation initiiertes und finanziertes Projekt, gibt es seit 2011. Der Grund: Für die gesellschaftliche und politische Diskussion über den Klimawandel müssen zunächst einmal die Fakten stimmen. Ein Schwerpunkt von klimafakten.de ist deshalb die Auseinandersetzung mit irreführenden Behauptungen: Zu Aussagen wie „Den Klimawandel gibt es gar nicht“ oder „Klimaschutz ist zu teuer“ werden die Fakten geliefert. Dieses Standbein bleibt erhalten – und ebenso das zweite: wissenschaftlich gesicherte Informationen zum Klimawandel, speziell aufbereitet für einzelne Branchen und Wirtschaftssektoren.

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Viele Menschen wollen einfache Antworten, in einer komplexen Welt

Doch wissenschaftliche Erkenntnisse allein ergeben noch keinen Klimaschutz. Und Informationen oder Medienberichte führen nicht automatisch zu praktischem Handeln. Gefragt ist auch intelligente und motivierende Klimakommunikation, die zugleich wissenschaftlich fundiert ist und ihre Zielgruppen erreicht. Wie gelingt das, ohne apokalyptische Szenarien zu malen? Wie erreicht man Menschen, wenn grüne Verheißungen und Rufe nach Konsumverzicht Skepsis und Abwehr auslösen?

Wissenschaftlich fundiert und Tagesschau-kompatibel – geht das?

„Zu dieser Frage wollen wir künftig die zentrale Plattform im deutschsprachigen Raum werden“, sagt Projektleiter Carel Mohn. „Als Problem ist der Klimawandel in den Köpfen fest etabliert. Doch was folgt daraus?“ Wie Klimaschutz über Expertenzirkel hinaus wirksam werden kann, soll die Portalmacher künftig beschäftigen.

unterwasserDazu bringt die Rubrik „Aktuelles“ künftig Nachrichten aus Forschung und Praxis. Etwa über kanadische Wissenschaftler, die untersuchen, unter welchen Bedingungen Medienberichte über Klimawandel zu Fatalismus führen – oder aber zu Engagement ermutigen. Oder über die Inszenierung der „Klima-Verhandlungen“ am Hamburger Schauspielhaus. Dabei werden die Zuschauer selbst zu Delegierten der UN-Verhandlungen – und verlassen so die Zuschauerperspektive.

Daneben wird klimafakten.de auf praktische Handreichungen für gute Klimakommunikation hinweisen und vorbildhafte Institutionen vorstellen.Arte_Klima

Abendveranstaltung am 29. Januar in Berlin

Über diesen Neustart will klimafakten.de diskutieren. Mit Ihnen – sowie mit:

  • Karin Kortmann, Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, sie sagt: „Beten allein reicht nicht.“
  • Immanuel Schipper, der mit die Welt-Klimakonferenz im Deutschen Schauspielhaus Hamburg auf die Bühne gebracht hat.
  • Frank Böttcher, Meteorologe, Veranstalter des Extremwetterkongresses und Ko-Autor des Buches Klimafakten.
  • Professorin Daniela Jacob, Klimaforscherin und Leiterin des GERICS-Instituts Hamburg. Sie sagt: „Die Auswirkungen des Klimawandels sind bereits spürbar.“
  • Dirk C. Fleck, Journalist und Autor (Die vierte Macht, GO! Die Ökodiktatur). Er meint: „Medien sollten darstellen, was an positiven Zukunftsentwürfen längst angedacht und möglich ist.“

Die Veranstaltung findet am 29. Januar 2016 von 18.30 bis 21.30 Uhr im Projektzentrum Berlin der Stiftung Mercator, Neue Promenade 6, 10178 Berlin-Mitte statt.

Anmeldung ist erwünscht – unter diesem Link.


Dieser Beitrag wurde nicht von der Redaktion erstellt sondern von  klimafakten.de in der Rubrik Verlagssonderveröffentlichungen.

Mitbringsel aus Paris

Alle Fotos zur freien Verwendung, 12.12.2015 Reinhard Sczech

Motivation und Erleichterung

Ich war drauf und dran zu verzweifeln. Kann die Menschheit denn wirklich so blöd sein? Jetzt bin ich wieder hoch motiviert. Das waren lehrreiche Tage in Paris.

ClimateJustice_2015_12_12_Paris_23Ein Gruß an alle Freunde der Hunsrücker Höhenwind Gesellschafter und Bertram Fleck: In einem Pariser Café habe ich einen tollen holländischen Aktivisten getroffen, der voller Begeisterung die Entwicklung im Hunsrück wahrgenommen hat. Eine Botschaft an alle die jetzt noch gegen die Windenergie kämpfen: Ja, es gibt Beeinträchtigungen, ja das Landschaftsbild ändert sich, ja es gibt Fehlplanungen. Aber ihr könnt euch überhaupt nicht vorstellen, mit wie vielen Hoffnungen Menschen aus aller Welt auf Deutschland schauen.

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Der Hunsrück exportiert erneuerbare Energie. Nachhaltig! Bitte macht mit, oder wenn ihr schon nicht mitmachen wollt, macht den Weg frei. Ihr wollt die Heimat erhalten wie sie ist – aber Zerstörungen währen die Folge, die unsichtbar für unsere Kameras und Reporter bei den ärmsten der Armen angefangen haben und auch uns erreichen werden.

Die Prinzen

Saudi-Arabien alimentiert 7000 (geldgierige?) Prinzen. Prinz al-Walid Bin Talil, seine Frau und seine Kinder wohnen in 320 Zimmern in einem sandfarbenen Palast, der mit italienischem Marmor ausgekleidet ist, mitten in Riad.

Kleine Umfrage

Sind Sie im Vergleich zu vor fünf Jahren mehr oder weniger optimistisch, dass es der Menschheit gelingen wird, den gefährlichen Klimawandel zu vermeiden?
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Dazu kommen drei Hallen-Schwimmbäder, Tennisplätze, 250 Fernseher, ein Kinosaal und fünf Küchen, die 2000 Gäste auf einmal beköstigen können. In der Garage des Prinzen stehClimateJustice_2015_12_12_Paris_31en 200 Luxusautos, darunter Rolls-Royce, Ferrari und Lamborghini. Dieser Reichtum wird von Öl gespeist. Könnt ihr euch vorstellen, welcher Kampf es war die Zustimmung der Saudis zu bekommen? Könnt ihr euch vorstellen, wie bitter die neusten Abschätzungen der Klimaforscher sind, um selbst ein Kopfnicken zu bekommen, das Saudi Arabiens Geschäftsmodell völlig in Frage stellt?

 

2050 „klimaneutral“

Die Koalition der „Ambitionierten“ hat sich in Paris durchgesetzt. Beschlossen wurde, dass die Menschheit ab 2050 „klimaneutral“ lebt. Ursprünglich sollte im Vertrag stehen, dass die Menschheit ab 2050 „Treibhausgas-frei“ lebt. Aber das scheiterte an den erdölproduzierenden Ländern. „Treibhausgas-frei“ hätte bedeutet, dass diese Länder bald kein Erdöl mehr fördern dürften. Der jetzige Beschluss besagt, dass die Treibhausgase, die nach 2050 noch entstehen, kompensiert werden müssen – etwa durch Aufforstung oder neue Technologien.

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Climate Justice! Now!ClimateJustice_2015_12_12_Paris_35

„Die Weltgemeinschaft hat verstanden, dass die Gefahren durch den Klimawandel viel größer sind als zuvor angenommen“, sagte Bill Hare, der Chef des Forschungsinstituts Climate Analytics. „Das Paris-Abkommen ist ein historischer Wendepunkt für die ganze Welt.“

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Die roten Linien werden gezogen: Clim Acts aus Australien

Ärmel aufkrempeln

„Wir sind extrem glücklich“, erklärte EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete. Die Schweizer Bundesrätin Doris Leuthard sagte: „Für die Schweiz war es wichtig, dass alle Verantwortung übernehmen und die Zweiteilung aufgehoben wird.“ Aber auch Südafrikas Umweltministerin Edna Molewa sieht einen „Wendepunkt zu einer besseren und sichereren Welt“. ClimateJustice_2015_12_12_Paris_36

Frankreichs Präsident François Hollande sagte sogar: „Wir haben heute die beste und friedlichste Revolution geschafft – eine Revolution für den Klimaschutz“. Und Bubu Pateh Jallow, einer der Chefunterhändler der ärmsten Staaten, sagte: „Der Vertrag ist eine wirklich gute Arbeitsbasis“.

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„Die Unterschrift ist nur der Anfang, jetzt geht es darum, ihn auch umzusetzen.“ Russlands Umweltminister Sergej Donskoj betonte: „Jetzt steht uns die Ratifikation bevor!“ Der hintere Teil der Vereinbarung nämlich, zwölf der 31 Seiten, muss zu nationalem Recht werden. Und das in jedem der 195 Mitgliedsländer, ein Prozess, der im Falle des Kyoto-Vertrages acht Jahre gedauert hat. Aber diesmal soll der Paris-Vertrag bereits ab 2020 gelten – in vier Jahren.

ClimateJustice_2015_12_12_Paris_39Dass dieses Ziel nun benannt wird, bedeutet: Die Weltgemeinschaft hat endlich realisiert, wie ernst die Warnungen sind, die die Klimaforscher aufgestellt haben. So weit, so gut, aber auch so unzulänglich. Denn diese Erkenntnis wird – zumindest noch – nicht ausreichend in konkretes Handeln umgesetzt.

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Fakt ist: Die Treibhausgas-Limits, die die Länder der Erde sich gegeben haben und die die Basis des Paris-Vertrags bilden, bringen die Welt nur auf einen Drei-Grad-Pfad – also auf einen Kurs, bei dem Elemente des Klimasystems destabilisiert würden, darunter der Grönland-Eisschild, die Permafrostböden und die Regenwälder. Höhere Ansprüche trauten sich die Architekten des Paris-Deals nach dem Kopenhagen-Debakel nicht mehr zu stellen.

Gewaltfrei und ohne Presse

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Tolle Tage in Paris, mit Wechselbädern der Gefühle

Tja Leute, wir haben uns das Demonstrationsrecht erkämpft. Entschieden und gewaltfrei. In der deutschen Presse habe ich noch kein Wort darüber gelesen. Über die Demo am Eifelturm wurde bischen berichtet. Aber die vorhergehende und  aus meiner Sicht wichtigere in der Avenue de la Grande Armée vor dem Arc de Triomphe wurde  fast ausschließlich über soziale Medien, wie diesen Blog transportiert.

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Sind wir mal milde, das Demonstrationsverbot hat natürlich dazu geführt, dass auch die Presse nicht über die Details der Planungen informiert war.

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Ein Tourist aus China macht auch spontan mit. „Very big problems in China“
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und Mainz trifft auf Oppenheim (on the left side Esmathe Gandi, Président ATTAC Togo)

 

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und Mainz trifft auf Oppenheim (on the left side Esmathe Gandi, Président ATTAC Togo)
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zum Abschluss wird ergreifend mitreißend gesungen

Quellen

Klimaretter.Info

Skeptical Science

350.org   

Video von der Demo

DemocracyNOW

ARD Tagesschau COP21 live Blog

SonnenSeite

germanwatch

Blockade bei den Klimaverhandlungen in Paris

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Broschüren mit Gesundheitshinweisen und rechtlichen Infos werden verteilt

Ich bin völlig fasziniert mit welcher Entschlossenheit, Mut, sozialer Kompetenz und vor allen Dingen Phantasie und Intelligenz hier in kleinen Gruppen die Aktionen für morgen vorbereitet werden.

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An alle Aktivisten wird eine rote Blume verteilt

Ich habe aber auch Angst vor der französischen Polizei. Tipps wie „wickele dir Zeitungen ums Schienbein, da hauen die gerne drauf“ beunruhigen mich Schisser eher. Es wird ein Aktionsbereitschaft ermittelt. In die eine Ecke des Raumes gehen die, die sich zutrauen vorne mit dabei zu sein, in die zweite Ecke die, die mehr zuschauen. Dann können sich auch Kleinstgruppen auf dieser Raumachse dazwischen positionieren. Ich stehe im Raum, aber sehr nahe an Ecke zwo.

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Tag der Vorbereitungen, durchdacht und klasse organisiert

Was ist eine Demonstration?

Demonstrationen sind morgen in Paris strengstens verboten. Was ist eine Demonstration? Wenn mehr als zwei Menschen die gleiche politische Meinung kundtun. Deshalb werden wir alle nur zu zweit losschwärmen.

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Neben den roten Blumen wird es morgen viele rote Regenschirme, Jacken und Schals geben, um die symbolischen roten Linien zu ziehen.

Zum Abschluss der Klimaverhandlungen werden also Tausende von Menschen paarweise auf die Straßen ziehen, um das letzte Wort zu haben und um zu zeigen, dass wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen. So schaffen wir die Voraussetzungen für weitere Aktionen im Jahr 2016.

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So soll es ablaufen: Gegen 11:45 Uhr treffen wir uns auf den Bürgersteigen entlang der Avenue de la Grande Armée zwischen der Place de Etoile und Porte Maillot. (nicht am Arc de Triomphe — dort werden Versammlungen sofort aufgelöst).

 

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Folgen den roten Pfeilen entlang der Straße, um zum Veranstaltungsort zu gelangen

12:00 Uhr sollen Signale eines Nebelhorns ertönen, dann schlendern wir paarweisen Fußgänger auf die Avenue de la Grande Armée bis es anfängt zu strömen. Dort den roten Schirmen und Pfeilen die uns leiten hinterher. Auf der Straße, so der Plan, Tausende roter Tulpen verteilen, riesigen Transparente entrollen und eine lange „rote Linie” bilden.

Wenn die Nebelhörner ein zweites Mal ertönen, heißt es zwei Minuten lang schweigend innehalten, bis Blaskapellen anfangen zu spielen. Danach legen wir unsere Blumen zum Gedenken an die Opfer des Klimawandels auf die Straße.

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Hochkonzentriert werden im Plenum Fragen gestellt und beantwortet
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Der Plan für morgen: Wie auch immer das Gipfeltreffen ausgehen mag, Folgendes gilt weiterhin: Es sind nicht Politiker*innen die Bewegungen anführen – sondern die Menschen.

Der Veranstaltungsort wurde bis jetzt geheim gehalten, damit  effektiv mobilisiert werden kann. Nachdem jetzt alle Details feststehen und noch 24 Stunden bleiben, ist es an der Zeit, dass die Öffentlichkeit über die Aktionen informiert wird.

Die Lösungen liegen auf der Hand: Wir müssen aufhören, fossile Brennstoffe zu fördern und zu verbrennen. Stattdessen, wo immer möglich, erneuerbare Energien ausbauen und Sorge tragen, dass die am schlimmsten vom Klimawandel betroffenen Regionen über die nötigen Ressourcen verfügen um der Krise zu begegnen. Dies könnte ein Wendepunkt sein – dafür kämpfen die Demonstranten in Paris.

 

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noch einige juristische Hinweise zum mitschreiben

ARD-Reporter Werner Eckert hat beim Klimagipfel eine Veranstaltung von Wissenschaftlern besucht, die Auswirkungen des künftigen Klimavertrags untersuchen. Hier sind seine Eindrücke: „Gefährlich bis tödlich nennt Professor Kevin Anderson vom „Tyndall Center for climate change“ den derzeitigen Verhandlungsstand. Fünf wissenschaftliche Institute sind sich einig: dass darin maximal 1,5 bis zwei Grad Erderwärmung als Ziel festgeschrieben werden, ist gut, aber für sich genommen nur eine Hausnummer. Alle konkreten Vorgaben für die Staaten sind bereits aus dem Entwurf gestrichen. Das ist alles vage und setzt keine klaren Signale, sagt Professor Johan Rockström von der Universität Stockholm. Er rechnet vor: Wenn nur die bereits eingereichten, freiwilligen Selbstverpflichtungen der Länder umgesetzt werden, dann führt das die Welt auf mehr als drei Grad zu. Und da es bis 2030 auch keine Verbesserungen geben muss, wird bis dahin so viel Co2 ausgestoßen, dass damit auch die Chance vertan ist, jemals unter zwei Grad zu bleiben.

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Die Zukunft des Kindes dass dieses Bild zum Klimagipfel gemalt hat, steht auf der Kippe. Bitte auf das Bild doppelt klicken um es zu vergrößern.

Ungenügend nennt auch Professor Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung die konkreten Vorgaben für den Klimaschutz. Er vertritt allerdings die Auffassung, dass die Atmosphäre vorübergehend mehr CO2 vertragen würde, wenn man es anschließend – durch Aufforstung zum Beispiel – wieder herausholt. 1,5 Grad erscheinen nach Angaben der Wissenschaftler unrealistisch. Dazu müsste der Kohle-, Öl- und Gasverbrauch der gesamten Welt schon 2020 seinen Höhepunkt erreichen und danach stark sinken, spätesten 2050 „0“ sein. Die Wissenschaftler sind auch enttäuscht davon, dass von „Dekarbonisierung“, also vom Abschied von fossilen Brennstoffen, nicht mehr die Rede ist. Stattdessen ist nun von „Treibhausgas-Neutralität“ die Rede. Das unterstellt nämlich, dass Wälder und Ozeane CO2 aufnehmen. Steffen Kallbekken von der Universität Oslo nennt das riskant. Bislang speichere der Ozean nämlich 55 Prozent der Treibhausgase. Aber erstens wird er dadurch immer saurer und zweitens werde das nicht unbeschränkt weiter so gehen.“

 

 

Climate Action Zone ZAC

Fotos: Reinhard Sczech, 10.12.2015

Wie bei allen meinen Reisen: etwas abgehetzt und vermutlich was Wichtiges vergessen, Einstieg in den IC, Mainz Hauptbahnhof Richtung Mannheim, von dort mit dem französischen TGV weiter. In Schnellzugsteige n in Saarbrücken fünf fett bewaffnete französische Polizisten ein. Sofort Unruhe, kurz darauf Schreie und Sc20151210_solutions_3himpfen. Dann Ruhe. Auf dem Sitz links vor mir, schläft ein junger Mann. Ich wundere mich, warum er trotz dem Lärm nicht einmal den Kopf hebt. Dann kommen drei Beamte zu uns. Sehen mich kurz an, rütteln an dem jungen Mann: „Passport?“. Der etwa 19-jährige schüttelt den Kopf. „Nationality?“ „Afghanistan“. Routiniert zieht einer den Jungen aus dem Sitz, mit traurigem Gesicht und stumm lässt er es geschehen, alle verschwinden im nächsten Wagen. Eine Frau schimpft auf französisch. Zwei Minuten später „außerplanmäßiger Halt in Forebach“. Die Polizisten und sechs junge Männer verlassen den Zug. Die verbleibenden schauen sich betroffen an.
So verlaufen die ersten Stunden meiner Reise zum Klimagipfel nach Paris. Wir fahren gerade 311 Kilometer pro Stunde.

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Solutions COP21

Nachmittags besuche ich das offizielle Rahmenprogramm für den Weltklimagipfel: „Solutions COP21“ im Grand Palais. Wegen Kontrollen wie am Frankfurter Flughafen eine Stunde Wartezeit, obwohl nicht besonders viel los ist. Das Programm finde ich großenteils enttäuschend. 20151210_solutions_2Einige Firmen sind echt bemüht, aber beispielsweise bei Coca Cola werde ich reflexartig misstrauisch. Von einem Schweizer Forscher der „Horizon Social Media Analytics“ nehme ich am meisten mit. Darüber werde ich einen eigenen Beitrag schreiben.

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Viele Kameras, viele Reden, wenig Publikum bei den Solutions COP21
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Bei der Rheinland-Pfalz Ausstellung in Mainz war deutlich mehr los als bei den Lösungen für die Weltrettung in Paris 2015
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Ein spannendes Gespräch, wie man die Stimmungen in den Social Media analysiert
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In der ZAC war nun aber richtig was los

Climate Action Zone (ZAC)

In der ZAC sollte eigentlich von den Umweltgruppen die gr20151210_ZAC_6oße Klimaschutzdemonstration am Ende des Klimagipfels vorbereitet werden. Bündnisse aller Schattierungen rund um den Globus hatten ihre Mitarbeit angekündigt. Dann kamen die Terroranschläge am 13. November wie eine Seuche über Paris. Vollständiges Demonstrationsverbot.

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Überwiegend junge Menschen interessiert die Rettung der Zivilisation, die anderen kämpfen mit den Alltagsproblemen

Als Alternative werden nun fantasievolle, gut organisierte, gewaltfreie aber entschiedene Aktionen geplant. Als ich ins ZAC komme, ist die Plenumshalle rappelvoll. Es wird diskutiert was zu tun ist und wie die Lage politisch einzuordnen ist. Im Plenum sitzt auch Naomi Klein. Die anderen kenne ich nicht, viele der Redebeiträge sind in französisch. Sprachbegabung hat man mir leider nicht mit in die Wiege gelegt.

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Diese Menschen zu erleben…. ich bin froh, doch nach Paris gefahren zu sein

Naomi Klein räumt freimütig ein, dass auch sie erst vor 10 Jahren die volle Brisanz des Klimawandels begriffen hat.

Klick gemacht

Wenn ich tief in mich gehe, muss ich gestehen bei mir sind es weniger als fünf Jahre her bis es „klick“ machte. Was eigentlich schon beschämend ist, da ich als Ingenieur sowohl mit Regelkreisen wie auch Statistik und nichtlinearen Simulationsverfahren reichlich Erfahrung sammeln durfte. Aber trotz vielfältiger Literatur hat mein Gehirn sich einfach geweigert die bittere Wahrheit voll zu realisieren. Wie auch. Da liest du eine alptraumhafte Analyse, die menschliche Zivilisation ist dabei sich auszulöschen, das sechste große Massensterben auf dem Planeten hat begonnen, du schaltest den Fernseher an, „und nun die Lottozahlen“.

Sicher, ich war schon viele Jahre vorher umweltbewusst, habe in Windenergie investiert (und damit sehr gut verdient), Müll getrennt, dicke Autos vermieden, Greenpeace unterstützt, die Grünen (oft sehr zähneknirschend) gewählt und nur Ökostrom durch die Steckdosen gejagt. Aber begriffen hatte ich es nicht wirklich.
Jetzt bin ich in Paris, um die Luft um den Weltklimagipfel einzuatmen und ein Gefühl dafür zu bekommen: Wie groß sind die Chancen der Menschheit die Kurve zu bekommen?
Es muss zweifellos eine sehr scharfe Kurve sein, eine Revolution. Die Zeit zum herumzackern haben wir nun wirklich nicht mehr.

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Etwas wehmütig kommt mir der Eiffelturm vor